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des geistlichen Lebens, von denen allenthalben Segen und Leben auf die Gemeinde ausgeht. In ihnen allein ist unter unsern Verhältnissen ein wahrhaft geistliches Gemeinschaftsleben möglich. Wohlorganisiert und in sich geschlossen leben sie nach einer Regel und haben die Form einer evangelischen Brüder- und Schwesterschaft anzustreben. Es vollzieht sich hier auf dem Gebiet der individuellen Freiheit, ohne gesetzlichen und gewissensbindenden Zwang und Versprechen, was die Römischen durch Orden zu erreichen suchen.

 Die Formen des geistlichen Gemeinschaftslebens lassen sich in der lutherischen Kirche am ersten und vollständigsten beim Diakonissentum ausbilden. Das Diakonissentum erreicht seinen Zweck nur durch festen inneren Zusammenschluß zu einer geistlichen Körperschaft, einen evangelischen Orden. Wo eine örtliche und stetige Gemeinschaft sich bilden läßt, eine Gemeinschaft, die von einem örtlichen Mittelpunkt ausgeht und ihren Knotenpunkt in demselben hat, da findet sich die Regel von selbst. Die drei alten Ordensgelübde der Ehelosigkeit, Armut, Gehorsam kehren hier wieder, aber in evangelischer Auffassung. Ein für immer bindendes Gelübde nimmt die evangelische Kirche nicht ab. Die Seele des evangelischen Diakonissentums muß die christliche Barmherzigkeit sein, die sich auch die Glieder untereinander erzeigen sollen. Die getroffene Entscheidung für den Diakonissenberuf soll von den Außenstehenden respektiert werden, während andrerseits den Mitgliedern selber der Austritt immer frei stehen muß.

 Was die Missionsanstalten anbelangt, so haben auch sie die Form der geistlichen Brüderschaft anzustreben. Ein Leben gemäß den Grundsätzen der Selbstüberwachung und der brüderlichen Zucht nach Matth. 18 ist die angemessenste Form des Gemeinschaftslebens, das in der Haus- und Lebensordnung seine Regel hat. Je größer die Anzahl der Insassen ist, desto weniger wird sich der Gedanke der geistlichen Bruderschaft realisieren lassen.

 Der Erziehungszweck ist hier maßgebend für alles und Erziehung zu dem Zweck ist absolut notwendig. Wenn irgendwo, so ist hier Einheit des Unterrichts, Bekenntnisses und einheitliche Richtung nötig. Es müssen aber auch hier die drei großen Erziehungsgrundsätze vor allem zur Anwendung kommen und in den Vordergrund treten:

1. die Erziehung für den ehelosen Stand, ohne die freie Wahl für die Zukunft zu beeinträchtigen,