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über Bord werfen, dessen Wahrheit ihm aus anderen Gründen thatsächlich feststeht (Kopernikus, Kepler, Newton u. s. w.). Also, das Christentum beherrscht die Wissenschaft nicht insofern, daß es ihr die Resultate ihres Forschens vorschriebe, doch fordert es Bescheidenheit und Ernst, der sich von jeder Frivolität in der Bekämpfung des Christentums freihält. Ein Mißstand ist es schon, wenn die Wissenschaft auch nur in den Dienst der Kirche gestellt wird, da sie dann ihre Einfalt verliert (die katholischen Schriftsteller der Scholastik). Es gehört diese Trennung mit zur Unterscheidung des Geistlichen und Weltlichen und ist eine Konsequenz des Unterschieds zwischen Staat und Kirche. Es verhält sich übrigens nicht so, daß für Befriedigung wissenschaftlichen Triebes lediglich die weltliche Wissenschaft in Betracht käme. Es enthält das Christentum selber einen solchen Gedankenreichtum, daß es je und je Problem des Forschens für die größten Geister gewesen ist (Religionsphilosophie; Theologie).


IX.
Sittliche Ausgestaltung des göttlichen Ebenbildes im Kreuz und Leiden.

 Dieser Teil behandelt

1. die Lehre vom Kreuz oder den Leidensberuf des Christen, und
2. das Sterben des Christen.


§ 75.
Die Lehre vom Kreuz.

 1. Allgemeine Grundsätze.

 Der Ausdruck „Leidensberuf“ ist ein biblischer Ausdruck, der sich 1. Petr. 2, 21 findet. Diese Erkenntnis, daß das Leiden auch ein Beruf ist, ist von Wichtigkeit und es liegt in ihr ein Trost für den Leidenden. Der Leidende ist gehemmt in der Thätigkeit. Es gilt da, wie vom ganzen Kapitel, das Motto: Ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst, Joh. 21, 18–19. Dieser Gedanke drückt nieder, es fehlt der hebende Einfluß der rüstigen Thätigkeit. Der Mensch hält sich für nutzlos, berufslos, als ein reines ἄχθος ἀρούρης, eine pure Last des Erdbodens. Da kann der Gedanke tröstlich sein, daß das Leiden ein Beruf ist. (Lied: Gott, den ich als die Liebe kenne, bes. v. 3: Leiden ist jetzt mein Geschäfte u. s. w.) Das Leiden