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für beide den Ausdruck πειρασμός. Wir unterscheiden im Deutschen zwischen Versuchung und Prüfung.

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 6. Zweck und Absicht des Kreuzes. Da erinnern wir uns unserer Einteilung des Leidens in Bekenntnisleiden, Prüfungsleiden, Züchtigungsleiden und allgemein menschliche Leiden. Nun kann man ja nicht sagen, daß jedes Leiden ausschließlich nur einen Zweck hat. In gewissem Sinn ist es wahr, daß Gott alle möglichen Zwecke durch das Leiden jeder Art, welches er verhängt, erreichen will. Man kann aber doch auch sagen, ein hervortretender Hauptzweck ist bei jeder der verschiedenen Arten des Leidens vorhanden. – Beim Zeugnis- und Bekenntnisleiden, dem Martyrium ist der hervortretende Hauptzweck die Verherrlichung Gottes, 1. Petr. 4, 4; 4, 16 (δοξαζέτω). Ein unschuldiges, geduldiges und freudig getragenes, bekenntnisfreudiges Leiden ist ein lauter Lobpreis Gottes. Da dürfen wir nur an die Märtyrer denken und an das laute Lobgetöne, mit dem sie durch alle Qualen dem HErrn entgegengingen und welchen Eindruck sie dadurch auf die Welt gemacht haben cf. das Martyrium des Laurentius und Joh. 21, 19. An dieser Stelle wird ausdrücklich gesagt, daß das unschuldige Bekenntnisleiden ein Lobpreis Gottes ist. Beim Prüfungsleiden ist die Verherrlichung Gottes ein mitbeabsichtigter Zweck, aber allerdings nicht der Hauptzweck. Der Hauptzweck ist hier die Bewährung des Menschen. Sofern die Bewährung des Christen in der Anfechtung und im Leiden zur Ehre Gottes geschieht, ist es ja freilich wahr, daß auch dieses Leiden zur Verherrlichung Gottes dient, wie umgekehrt es auch wahr ist, daß jedes Martyrium ein Prüfungsleiden ist, denn nur wenn der Christ sich bewährt, ist er ein Bekenner und gibt Gott die Ehre des Bekenntnisses. Doch sind beide Arten des Leidens nicht identisch. Jedes Bekenntnisleiden ist zwar auch ein Prüfungsleiden, aber nicht jedes Prüfungsleiden ist ein Bekenntnisleiden. Und so wird man auch mit Recht unterscheiden dürfen einen besonderen Hauptzweck des einen und des andern Leidens. Hier ist die Bewährung des Christen Hauptzweck, Jak. 1, 2. 3. 12. An dieser Stelle v. 3 wird die Trübsal das Bewährungsmittel des Glaubens genannt; so ist τὸ δοκίμιον ὑμῶν τῆς πίστεως zu übersetzen; v. 12 wird ja geradezu als die Frucht der Prüfung die Bewährung gezeigt. Hieher gehört auch Röm. 5, 3–5. Hier wird eine Stufenleiter inwendiger Erfahrungen und Fortschritte des geistlichen Lebens aufgezählt, wie sie eben die Frucht einer wohlbestandenen Glaubensübung sind. Die Trübsal wirket Geduld, insofern als ja ohne Leiden und Kreuz niemand