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entgangen, Akt. 22, 25–31. Hierher gehört die in der alten Kirche zwischen der überstrengen montanistischen und der milderen Richtung kontroverse Frage, ob es erlaubt sei, der Verfolgung zu entfliehen. Tertullian hat es verneint und hat die Flucht gleichgestellt der Verleugnung, während man ihm entgegenhielt, daß der HErr gesagt habe: Wenn sie euch verfolgen, so fliehet von einer Stadt in die andere. Auch Cyprian ist, wiewohl er unmittelbar die Schrift des Tertullian De fuga in persecutione mit Bewunderung gelesen hatte, selbst geflohen und hat sich in der Verborgenheit aufgehalten. Das zweitemal, als die Verfolgung unter Valerian ausbrach, ist er in seiner Gemeinde geblieben. Matth. 10, 23; Akt. 8, 1; 11, 19. Man sieht daraus, daß man es damals nicht für eine Verleugnung gehalten hat, sich der Verfolgung durch Flucht zu entziehen. Es ist also doch eine Verirrung des Montanismus gewesen, wenn er jeden Versuch, durch Flucht sich der Verfolgung zu entziehen, der Verleugnung gleichstellte. Andererseits wird man auch nicht leugnen können, daß Märtyrer, namentlich in der letzten Verfolgung unter Diokletian, sich mit einem gewissen Ungestüm zum Martyrium drängten, z. B. Eulalia.

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 b) Ist nun aber das Kreuz, nicht gesucht und nicht gemieden, über den Menschen gekommen, so geziemt sich die völlige Ergebung. Beispiel ist der HErr selber in Gethsemane. Er ist ein Beispiel zunehmender Willigkeit, sich zu ergeben in das Kreuz, es ist ein innerer Fortschritt, ein zunehmender Sieg in seinem Seelenkampf; während er das erstemal betet: „Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir, doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst,“ so betete er das anderemal: „Mein Vater, ist es nicht möglich, daß dieser Kelch von mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille.“ Die zweite Bitte zeigt die zunehmende Willigkeit, sich zu ergeben in das Leiden, den Zustand der Seele, in welchem sie sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht hat, daß der Kelch nicht mehr vorübergehen wird, Jak. 1, 4. 12; 2. Kor. 1, 6; 6, 4; Röm. 12, 12; Jak. 5, 7. 8. Das ist ja eben die Absicht des HErrn, wenn er den Menschen ins Leiden führt, den Eigenwillen des Menschen zu brechen. Darin besteht die Ergebung, daß der Mensch den eigenen Willen aufgibt, keinen eigenen Wunsch und Willen hat, sondern mit seinem Willen sich in den Willen Gottes verliert. „Hilf, daß mein Will in allen Fällen in deinen Willen sich verlier“ singt Tersteegen. Hebr. 5, 8. Das Leiden ist die Übung des Gehorsams, eines Gehorsams ganz besonderer Art, der