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wollen, so sehr es sich dem natürlichen Gefühl empfehlen würde. Luther meint, man könne ein- oder viermal der Verstorbenen gedenken, dann solle man es gut sein lassen. Nun ein Wunsch, möge Gott der Seele gnädig sein, der ist gewiß gestattet, wenn die Seele entflieht aus dem Leib; aber im übrigen geht unsere Kirche im Hangen an Gottes Wort eben von der Grundanschauung aus, daß mit dem Tode das Siegel auf das Leben gedrückt wird, das Leben gleichsam zugesiegelt wird, so daß nun nichts mehr widerrufen und geändert werden kann, daß auch das Geschick sich sofort entscheidet, daß es keinen Mittelzustand gibt, während dessen man auf den Zustand der Seele einwirken könne. Das Gebet für die Toten hängt wesentlich mit dieser Vorstellung vom Fegfeuer zusammen. Bekanntlich ist es Vorstellung bei den Römischen, daß nur die Heiligen aus diesem Leben sofort in den Himmel zur Gemeinschaft Jesu und seiner Engel kommen, während die anderen längere oder kürzere Zeit die Läuterungsqual des Fegfeuers aushalten müssen. Was wir für alle Christen hoffen, die im Glauben sterben, das ist den Römischen ein Privilegium besonders ausgezeichneter und in der Heiligung fortgeschrittener Menschen.


X.
Die sittliche Ausgestaltung im Hoffen oder das Hoffnungsleben samt dem Ziel der abschließenden Vollendung.


A.
Das Hoffnungsleben.

§ 77.
Die Hoffnung im Christenleben. Realität derselben.

 Allgemeines. Notwendigkeit der Hoffnung zum Christenleben. Da genügt es ja, wenn wir einfach auf 1. Kor. 13 v. 13 hinweisen. Sie ist ein wesentliches Ingrediens des Christenlebens. Das Christentum ist, kann man sagen, wesentlich eine Religion der Hoffnung. Was man von denen, die in die alten Mysterien eingeweiht waren, rühmte, nämlich daß sie bessere Hoffnung hätten, was dort weiter nichts als höchstens ein ahnungsvolles Bemühen der Seele war, durch Vernunftschlüsse den Glauben an die Unsterblichkeit zu erringen, das ist hier volle Offenbarung und darum ist das Christentum wesentlich eine Religion der Hoffnung. Daher gehört die Stelle 1. Petr. 1, 3, denn