Seite:Georg Rusam - Geschichte der Pfarrei Sachsen.pdf/95

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I. die Reformation

1. Die Zeitwende. Luther

 Als man sich der Zeit um 1500 näherte, spürte man es überall im deutschen Lande, daß eine neue Zeit im Werden begriffen war. Die Städte, wie Nürnberg, Augsburg, Nördlingen, Rothenburg und viele andere, waren mächtig emporgewachsen und hatten neben den Fürsten, den Herzögen und all den anderen Gewaltigen im Reich ein entscheidendes Wort mitzureden. Das Rittertum, das früher die Schlachten schlug und die Siege gewann, lag im Sterben, da die Erfindung des Schießpulvers eine ganz neue Art der Kriegsführung eingeleitet hatte. Amerika war entdeckt worden und brachte neue Reichtümer, neuen Handelsverkehr in die alte Welt. Die Erfindung der Buchdruckerkunst ermöglichte es, die Weisheit der Gelehrtenstuben auch unter das Volk zu bringen und neue Gedanken, neue Lehren rasch überallhin zu verbreiten. Es regte sich allenthalben ein neuer Geist und strebte die alten Formen zu zerschlagen oder zu neuem Leben umzubilden. Der zu allen Zeiten rege, aber bis dahin stark zurückgedrängte Freiheitswille des deutschen Volkes erhob sich aufs neue und suchte Geltung zu gewinnen. In den Reichsstädten erhoben sich die Bürger und die Handwerker in ihren Zünften und verlangten Teilnahme am Stadtregiment, das fast ganz in den Händen weniger vornehmer Familien, der Patrizier, lag. Ebenso suchten fürstliche und bischöfliche Städte größere Macht und Selbständigkeit zu gewinnen gegenüber der Allgewalt der regierenden Herren. Auch im Bauernvolke gärte es und man begehrte auch da mehr Recht und mehr Freiheit. Es war so, wie es ein Kirchenhistoriker (Preuß) ausspricht: „Das Jahrhundert vor der Reformation war eine Zeit voll Spannung.“

 Aber wie im politischen und wirtschaftlichen Leben, so hatte sich’s auch im religiösen und kirchlichen Wesen zu regen begonnen. Wir denken an die großen Kirchenversammlungen zu Pisa (1409), zu Konstanz (1414–1417) und zu Basel (1431), die alle zu dem Zweck einberufen worden waren, eine „Reform an Haupt und Gliedern“ in der Kirche herbeizuführen, ohne freilich in Wirklichkeit etwas zu erreichen. Wir denken an die frommen „Mystiker“ des Mittelalters mit ihrem Streben nach inniger Gottesgemeinschaft und nach reinem Leben. Wir erinnern uns der „Vorläufer der Reformation“: Petrus Waldus in Frankreich, Johann Wiclif in England, Johannes Hus in Böhmen, Hieronymus Savonarola in Italien. Ganz besonders aber ging durch das deutsche Volk um jene Zeit ein mächtiges Streben nach Frömmigkeit, ein Ringen um die Seligkeit. Man konnte sich nicht genug tun in guten Werken aller Art, in