Seite:Georg Rusam - Geschichte der Pfarrei Sachsen.pdf/96

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Messen, Stiftungen, Kirchenbauten, Bruderschaften, Heiligenverehrung, Feiertagen, Rosenkränzen, Ablässen und all den anderen Frömmigkeitsübungen. So stiegen z. B. in der Stadt Köln täglich mehr als 1000 Messen zum Himmel empor. Wie es in der Pfarrei Sachsen stand, haben wir bereits gesehen. Freilich befriedigt fühlte sich dabei das Volk in Wahrheit nicht. Die Tiefe religiösen Empfindens, wie sie von Natur dem deutschen Volke eignet, konnte sich mit solch äußerem Tun nicht begnügen; sie strebte nach Besserem. Die deutsche Seele „dürstete nach Gott, dem lebendigen Gott“, wie es im 42. Psalm heißt; sie verlangte nach der „besseren Gerechtigkeit“, von der einst Christus geredet hat.

 So stand es um die Wende der Zeit, als der große Reformator kam, der seinen Deutschen das brachte, wonach sie sich in tiefster Seele sehnten. Luther erschien. Der 31. Oktober 1517 ist der Tag, an dem er in die Öffentlichkeit trat und mit dem Anschlag der 95 Streitsätze an die Schloßkirche zu Wittenberg das Werk der Reformation begann. Es kann hier nicht der Gang dieses Mannes und seines Werkes eingehend dargestellt werden; es muß genügen, hier auf seine vielen und großen reformatorischen Schriften hinzuweisen, auf seine Bibelübersetzung, auf seine Verantwortung vor Kaiser und Reich auf dem Reichstag zu Worms 1521, auf den Bau der evangelischen Kirche durch seine Predigten und Gottesdienstordnungen, durch Schaffung eines Gesangbuches, durch Herausgabe des Katechismus usw., dann auf die Verlesung der Augsburger Konfession auf dem Reichstag zu Augsburg 1530, auf die Mitarbeit seiner treuen Freunde, voran Philipp Melanchthons, auf die Mithilfe evangelisch gesinnter Fürsten usw. Betont muß nur immer das eine werden, daß Luther durchaus nichts Neues brachte, sondern das er das deutsche Volk nur zu dem Urquell christlichen Glaubens zurückführen wollte, zu Gottes Offenbarung, wie sie durch Propheten und Apostel, vor allem aber durch den gottgesandten Erlöser geschah und wie sie in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Alles, was darüber hinausging, alles was erst aus menschlichem Geiste herausgeboren und zu Gottes Wort hinzugetan worden war, lehnte er ab. Das alles mußte in der Kirche der Reformation abgetan werden. So mußten fallen Messe und Ablaß, Heiligendienst und Reliquienverehrung, Klostergelübde und Mönchswerk, Fegfeuer und Rosenkränze, die vielen Weihen und Opfer, die ganze Lehre von den guten Werken, von der Herrschaft des Papstes, von der Vielzahl der Sakramente und noch vieles andere. Der Weg zu Gott, wie er allein in Christo uns gegeben ist, wurde so wieder frei gemacht. Auf dem Grunde freien evangelischen Glaubens konnte sich nun im deutschen Volke wieder ein freies, allein in Gott und durch Gottes Wort gebundenes evangelisches, wahrhaft christliches Leben regen.