Seite:Gesammelte Schriften über Musik und Musiker Bd.1 (1854).pdf/204

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in G moll findet er Mißvergnügen, Unbehaglichkeit, Zerren an einem unglücklichen Plan, mißmuthiges Nagen am Gebiß. Nun vergleiche man die Mozart’sche G moll-Symphonie,[H 1] diese griechisch schwebende Grazie, oder das G moll-Concert von Moscheles[H 2] und sehe zu! – Daß durch Versetzung der ursprünglichen Tonart einer Composition in eine andere eine verschiedene Wirkung erreicht wird, und daß daraus eine Verschiedenheit des Charakters der Tonarten hervorgeht, ist ausgemacht. Man spiele z. B. den „Sehnsuchtswalzer“ in A dur oder den „Jungfernchor“ in H dur![H 3] – die neue Tonart wird etwas Gefühlwidriges haben, weil die Normalstimmung, die jene Stücke erzeugte, sich gleichsam in einem fremden Kreis erhalten soll. Der Proceß, welcher den Tondichter diese oder jene Grundtonart zur Aussprache seiner Empfindungen wählen läßt, ist unerklärbar, wie das Schaffen des Genius selbst, der mit dem Gedanken zugleich die Form, das Gefäß gibt, das jenen sicher einschließt. Der Tondichter trifft daher unmittelbar das Rechte, wie der Maler seine Farben ohne viel nachzudenken. Sollten sich aber wirklich in den verschiedenen Epochen gewisse Stereotyp-Charaktere der Tonarten ausgebildet haben, so müßte man in derselben Tonart gesetzte, als classisch geschätzte Meisterwerke zusammenstellen und die vorherrschende Stimmung unter einander vergleichen; dazu fehlt natürlich hier der Raum. Der Unterschied zwischen Dur und Moll muß vorweg zugegeben werden. Jenes ist das handelnde, männliche Princip, dieses das leidende,

Anmerkungen (H)

  1. [WS] Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie Nr. 40 g-moll KV550, die sogenannte „große g-moll Sinfonie“.
  2. [WS] Ignaz Moscheles (1794-1870), böhmisch-österreichischer Komponist und Pianist; sein Klavierkonzert Nr. 3 g-Moll op. 60 (1820).
  3. [WS] Der Sehnsuchtswalzer Walzer von Franz Schubert (Original Tänze für das Piano-Forte op. 9 Nr. 2, D365 (1818) steht original in As-Dur; der Jungfernchor (eigentlich Chor der Brautjungfern: „Wir winden dir den Jungfernkranz“) aus Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz in C-Dur.