Seite:Gesammelte Schriften über Musik und Musiker Bd.3 (1854).pdf/199

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Bedeutung haben; ja die Wiener Symphonieenausschreiber hätten den Lorbeer, der ihnen nöthig war, gar nicht so weit zu suchen brauchen, da er siebenfach in Ferdinand Schuberts Studirstübchen in einer Vorstadt Wiens übereinander lag. Hier war einmal ein würdiger Kranz zu verschenken. So ist’s oft: spricht man in Wien z. B. von — —,[H 1] so wissen sie des Preisens ihres Franz Schubert kein Ende; sind sie aber unter sich, so gilt ihnen weder der Eine noch der Andere etwas Besonderes. Wie dem sei, erlaben wir uns nun an der Fülle Geistes, die aus diesem kostbaren Werke quillt. Es ist wahr, dies Wien mit seinem Stephansthurm, seinen schönen Frauen, seinem öffentlichen Gepränge, und wie es von der Donau mit unzähligen Bändern umgürtet, sich in die blühende Ebene hinstreckt, die nach und nach zu immer höherem Gebirge aufsteigt, dies Wien mit all’ seinen Erinnerungen an die größten deutschen Meister muß der Phantasie des Musikers ein fruchtbares Erdreich sein. Oft wenn ich es von den Gebirgshöhen betrachtete, kam mir’s im Sinn, wie nach jener fernen Alpenreihe wohl manchmal Beethoven’s Auge unstät hinübergeschweift, wie Mozart träumerisch oft den Lauf der Donau, die überall in Busch und Wald zu verschwimmen scheint, verfolgt haben mag und Vater Haydn wohl oft den Stephansthurm sich beschaut, den Kopf schüttelnd über so schwindlige Höhe. Die Bilder der Donau, des Stephansthurms und des fernen Alpengebirgs

Anmerkungen (H)

  1. [WS] gemeint ist Mendelssohn. [GJ] Die Bedeutung Mendelssohns wurde bei seinen Lebzeiten nur von einem kleinen Theil der Wiener Musikfreunde erkannt. Das bestätigt ein Aufsatz Hanslicks im „Wiener Boten“ (Beilage zu den „Sonntagsblättern“) vom 31. Oct. 1847, der auf die bevorstehende Aufführung des Elias hinweist. Von freudiger Bewunderung für das Werk erfüllt, wollte Hanslick die Hörer mit dem Plan des Ganzen bekannt und auf die einzelnen Schönheiten aufmerksam machen. Er läßt aber die Bemerkung einfließen: „In Wien hat, ehrlich gestanden, der Paulus wenig Glück gemacht, überhaupt kein Werk Mendelssohns nachhaltig gewirkt. Die Bestrebungen würdiger Männer, wie Fischhof, Becher, Vesque, Laurencin sind vereinzelt geblieben; zu einer populären Größe, einer allgemeinen [522] Beliebtheit, wie sie Mendelssohn in Deutschland genießt, konnte er es in Wien niemals bringen. … Häufiger als irgendwo hört man in Wien den Gemeinplatz gegen Mendelssohn richten: er componire mit dem Verstand und nicht mit dem Gefühle.“ (Ueber solche Urtheile der Wiener spricht auch Schumann [WS: in seinem Text Mendelssohn’s „Paulus“ in Wien].) Hanslick glaubt aber erwarten zu dürfen, daß beim Elias nicht, wie bei der ersten Aufführung des Paulus (1839), Journalritter von der traurigsten Gestalt einem Felix Mendelssohn die Fehler dutzendweise nachrechnen würden. „Auch das unleugbare Widerstreben, welches sich von jeher in unsrer Presse und unserm Publicum gegen Kunstleistungen äußerte, die von Norddeutschland kamen, schwindet immer mehr und mehr; und wenn wir auch nicht hoffen dürfen, daß Wien je ein Grenzdamm sein werde gegen das Schlechte aus Süden, so wird es doch gewiß aufhören, ein Grenzdamm zu sein gegen das Gute aus Norden.“ – Die erste Aufführung des Elias sollte am 7. Nov. 1847 unter Mendelssohns eigener Leitung stattfinden, doch mußte sie „wegen eingetretenen Unwohlseins des Compositeurs“ auf den 14. Nov. verschoben werden. Als Hanslick am Schluß seines Aufsatzes Mendelssohn zuversichtlich und freudig zurief, wie der Engel dem Elias: „Komm’ herab! noch sind übrig geblieben 7000 in Israel, die sich nicht gebeugt vor Baal“ – da ahnte er nicht, daß wenige Tage darauf der Erwartete heimgegangen sein und die Aufführung des Elias am 14. Nov. sich zu einer Todtenfeier für den verklärten Meister gestalten werde. Anmerkung 47, II.521–522 Commons