Seite:Gottfried August Bürger Gedichte 1778.pdf/40

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nur; aber das ist nach Sin und Sprache einerlei. Wenn der Mutter Gottes die höchste weibliche Schönheit und Tugend beigelegt wird, so dächte ich, selbst der strengste Katholik könte nicht mehr verlangen. Eine Person aber mus schlechterdings in der Welt gewesen seyn, die ihr hierin am nächsten gekommen ist. Ist es denn nun wol Sünde, wenn der Dichter sein Ideal auf die nächste Stufe unter ihr stelt? – Aber ich weis wol, woher sich so manche unsinnige Urtheile entspinnen. Es singt wol kein Dichter ein Liebeslied, das die Einfalt nicht seinen wirklich erlebten Liebesgeschichten anpast. Irgend ein Pinsel weis vielleicht, daß der Dichter dies oder jenes Mädchen liebt, oder geliebt hat. Nun fängt er an zu vergleichen, und da mus es denn freilich auffallend seyn, das wirkliche Mädchen, dem besungenen Mädchen der Einbildungskraft so weit nachstehen zu sehn. Aber wer heist euch denn vergessen, daß

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Gottfried August Bürger: Gedichte. Johann Christian Dieterich, Göttingen 1778, Seite IX. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Gottfried_August_B%C3%BCrger_Gedichte_1778.pdf/40&oldid=- (Version vom 1.8.2018)