Seite:Hermann Harry Schmitz Der Saeugling.djvu/221

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Ein seltsames, starkes wissenschaftliches Interesse für die Theorie Jean Maurice Ragoût-Fins erwachte und schob die Gedanken an mich selbst völlig in den Hintergrund. So wollte es mir gar häufig erscheinen, als handele es sich überhaupt um einen anderen wildfremden Menschen.

Alle drei Tage ließ ich meinen Rotstift von der Lunge fressen.

Dabei lebte ich intensiv mein Leben, eigentlich glücklicher denn je. Ich trank den Becher bis zur Neige. Das Morgen starb, es lebe das Heute!

Ich hatte noch für etwa drei Wochen Lunge, als ich von meiner entzückenden Freundin Margot aus Deutschland Bescheid bekam, sie würde mich in etwa drei Wochen in Marseille besuchen.

Das durfte nicht sein, daß sie einen Toten vorfand.

Ich fing an, nur jede Woche einmal abzustreichen.

Zwar schlug mein wissenschaftliches Gewissen bei diesem Betrug.

Als Margot kam, hatte ich noch für etwa zehn Tage Lunge.

Sie war schöner und liebenswerter denn je. Meine Philosophie der Negation litt elend Schiffbruch, und eine Gier nach Leben, ein Hunger nach Jahren voll Genießens nahm von mir Besitz.

Ich versündigte mich schwer an der Wissenschaft. Ich habe, als die Lunge abgestrichen war, noch ein Stück angemalt und die Lunge dann immer wieder vergrößert und schließlich, als der Bogen zu klein wurde, neues Papier angeklebt und die Lunge nach Bedarf ausgedehnt.

Schließlich war meine Lunge so groß wie eine

Empfohlene Zitierweise:
Hermann Harry Schmitz: Der Säugling und andere Tragikomödien. Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig 1911, Seite 221. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_Harry_Schmitz_Der_Saeugling.djvu/221&oldid=- (Version vom 1.8.2018)