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geheiligt und alles Grabesgrauen überwunden hat, ist er mit dem grauenden Morgen um die Wette über die Welt hingezogen. „O meines Herzens liebster Ostertag!“ sagt Johann Gerhard. Hinfort faßt aber auch die Gemeinde diesen Tag vom Herrn als einen Tag zum Herrn, wo sie wieder neu aufatmet von der Knechtschaft der Arbeit und von dem Frondienst der Sünde. „Über ein Kleines, und ich will euch wiedersehen.“ – Und wenn die Gemeinde mit Bernhard von Clairvaux klagt: „Dein ,über ein Kleines‘ ist ein langes ,über ein Kleines‘“, so sagt ihr jeder Sonntag: Es kommt ein letzter, ein größter und bester; denn es ist der Tag zum Herrn. Mit jedem Sonntag und Ostertag hofft die Gemeinde, daß der Herr ihr erscheine, nicht in der Armut, wie er einst unter ihr wandelte, sondern in der Klarheit, wie er einst sie wird wandeln heißen.

 Am dritten Tage ist er erweckt. Das ist das erste, was die Gemeinde lehrt. Sie lehrt im Glauben, daß Gott der himmlische Vater kraft des ihm innewohnenden Lebens alle Lebensverneinungen selbst majestätisch auf gehoben hat. Wo irgendein Nein gegen das Leben sich aufstellte und regte, irgendeine Entmächtigung der Lebensgewalt sich zeigte, wo im Grabe sich das heimliche Grauen der Verwesung von ferne spürbar machte, da hat Gott in der Lebensfülle, die er mit dem Sohne, dem Vermittler alles Lebens, teilt, allem Nein sein kraftvolles und mächtiges „Ja“ entgegengestellt, damit er gerecht bleibe in seinen Worten und rein, wenn er gerichtet wird. Und nun regen sich um den Toten all die Lebensgewalten, die sich zurückzogen, da er sie von sich weisen mußte und sie gehorsam von ihm sich entfernten, als er sie scheiden hieß. Wie dort in den Versuchungen, nahen die Engel des Herrn und dienen ihm. Er tritt in die Sichtbarkeit der Verklärung und in die verklärte Sichtbarkeit hinaus. Er ist auferweckt. Der Vater hat ihm bezeugt, daß er alles getan hat: „Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden“ – und alles hebt nun an, fröhlich zu sein. Das „es ist vollbracht“ in der niedrigsten Stunde wird zu dem „es ist geschehen“ in der Hoheit der verklärenden Majestät. Was die heilige Vision am Kreuz geahnt und geweissagt hat, hat die Apokalypse am Thron dargestellt. Dem „es ist vollbracht“, antwortet das wundersame: „Ja, es ist geschehen“ (Offenbarung 21, 6).

 Nachdem der Vater ihn so auferweckte, hat der, der bis zum Tode gehorsam war, seinen Willen ausgesprochen und kundgetan: „Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast“ – und hat nun die ganze Fülle der Lebensgüter, die er nicht als Raub einst bei sich getragen hatte, in den Vollbesitz genommen, und nun ist er, während

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Hermann von Bezzel: Der erhöhte Herr. Furche, Berlin 1914, Seite 6. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Der_erh%C3%B6hte_Herr.pdf/6&oldid=- (Version vom 5.7.2016)