Seite:Hermann von Bezzel - Die Beurteilung der Fleischessünde in unserer Zeit und in der heiligen Schrift.pdf/10

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Wort und Wandel als Ammenmärchen verspotten, daß in gewissen Bräuchen und Komments Paragraphen aufgenommen sind, die schändliche Krankheiten behandeln, daß die Zahl der studentischen Verbindungen abnimmt, denen Follenius zurief: „stolz, keusch und gläubig sei, einig und deutsch und frei Hermans Geschlecht“, deren höchster Ruhm es war, sich in Ehren Zucht zu bewahren, ist ein tiefes Weh. Vor einigen Wochen spielte in einer großen deutschen Stadt ein Prozeß, in dem „liebeskranke Leutnants“ und deren ärztliche Beratung behandelt wurden. Und niemand schlug an das Schwert, daß es sich nicht um Selbstverständlichkeiten handle. Verehrte Anwesende, Friedr. Hebbel sagt einmal (Tagebücher III. 322): Poetische Werke können nie unsittlich sein und waren es nie. Die Poesie faßt alles in der Wurzel und im Zusammenhang. – Ist dem so? Ruht nicht die Schlange in der Blume und das Gift in der Gefälligkeit der Rose? – Das poetische und von Dichtern gepriesene, das von allen Nationen beneidete Studentenleben krankt an der Wurzel, weil die Jugendzeit nimmer heilig, sondern erregt, aus wilde Sättigung gierig und nach ihrem Vollzug blasiert ist. –

 Lassen Sie mich die praktischen Konsequenzen dieser Weltanschauung kurz aufzeigen. Der Talmud sagt einmal: Ein Gotteswunder ist, wenn ein Mann in der Großstadt unbefleckt bleibt. „Der Mann, der nicht mit mehreren verschieden gearteten Frauen lebt, entbehrt der mannigfachsten Anregung und wird notwendig ein barbarischer Philister,“ klagt Immermann an Gutzkow (Richard Fellner Geschichte eines Deutschen. Musterbücher. Stuttgart 1888, S. 91.) „O was ist die deutsche Sprak für ein arme Sprak, für ein plump Sprak“ möchte man mit Ricaut de la Marlinière sagen, sie nennts Ehebruch, und ist doch nur libre amour. – So ist die durch Eheschranken uneingeengte Männlichkeit erst wahre Mannheit, und die Frau wird wahrhaft gebildet, die über den philiströsen Moralbegriff, über das Moralin Nietzsches hinaus kommt.

 Die Schmach der außerehelichen Mutterschaft, über die Adele Schreiber in den „Romanen aus dem Leben“ so beweglich klagt, die Helene Stöcker, die Patronin des Mutterschutzes, verwirft (die Psychologie der freien Hingabe), am meisten aber Ellen Key in „Mutter und Kind“ als ganz inhuman brandmarkt, „nur jene sind für die Ehe geboren, welche in der Ehe geboren sind“ – muß fallen. Das Recht auf Liebe, der Respekt vor dem Trieb ist jedem Weibe zuzubilligen und zu gewähren.

 Und dazu dies Wetteifern in sexueller Aufklärung ganz in der Weise der alten Philanthropie, die Karl von Raumer in seiner „Geschichte der Pädagogik“ (II. S. 228) beschreibt und verwirft! Lieber ein Jahr zu früh, als einen Monat zu spät! ruft ein Fanatiker der Aufklärung. Man rät allen Ernstes, so in Kopenhagen, daß jedem Konfirmanden mit oder anstatt des neuen Testaments auch ein Lehrbuch über die Befriedigung des geschlechtlichen Triebes übergeben werde, damit