Seite:Hermann von Bezzel - Die Beurteilung der Fleischessünde in unserer Zeit und in der heiligen Schrift.pdf/12

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

vorsichtig zu sein, weil dadurch leicht der Wahn entstehe, als ob, was doch innerlich temperiert und höchstem Zwecke zu Dienst gestellt sein will, rein äußerlich sich vollziehen dürfe, kurz wir begrüßen alle Hilfe im Kampfe, aber unsere Hilfe kommt vom Herrn, der nicht Triebe und Gedanken ins Menschenleben gelegt hat, daß es an ihnen und unter ihnen verblute, sondern Mitleid mit seinem Volke trägt und zur Aufgabe die Gabe, zum Seinsollen das Seinkönnen schenkt. In seinem Wort und Willen ist nicht ein öder egoistischer Moralkodex beschlossen ehern und hart, dem niemand nahen darf noch gehorchen kann; sondern der Sein Volk trösten und zu Herzen ihm reden heißt, weil er nicht von Herzen die Menschen quält und plagt, hat aus seinem Elemente des Lichtes in der Selbsterfassung Seiner unveränderlichen Absolutheit und Reinheit Heiligungskräfte dargereicht, keiner wird zu schanden, der Sein harrt.

.

 Die Bibel ist eben auch kein äußeres Gesetz mit starren Paragraphen, sondern die dem menschlichen Leben immanente Kritik, die in unbestechlichem Wahrheitssinn das Unreine erkennen läßt, rügt und straft, der Reinheit Segen und Seligkeit preist, das Uebel beim Namen nennt, und seine tiefste Begründung, seine Begleiterscheinungen, seine endlichen Auswirkungen rückhaltlos aufzeigt. Es ist nicht wahr, daß, wie selbst John Milton einmal sagt, sie die Unsittlichkeiten der Ihren mit einer gewissen Eleganz uns schildere. Es ist vielmehr der Todesernst, der der Fleischessaat die Todesernte weissagt und an den Lustgräbern die Erschlagenen des Volkes beweint. Das alte Testament bespricht Zustände in herber derber Schilderung, Ehebruch des David und Unkeuschheit des Ham, Simsons Betörtheit und den Fall und Verfall salomonischer Herrlichkeit, die Entartung des Weibes auf der Folie seines herrlichsten Lobpreises im Frauenlob der Weisheit, die Frau Torheit mit feiler, frecher Art in Darlegung ihres Schaugerichts und die reine Frau Weisheit in der heiligen Ausgeräumtheit ihrer Habe und Gabe. Es geht aus dem Offenbarungswort des alten Bundes ein Unwetter vernichtenden Zornes über Sünder und Schänder. Die Flammen Sodoms und der Fall Babels unter dem Hohnlachen der Böcke in der Unterwelt, der Fluch über die sündigen Schwestern, über die Untat Onans – alles predigt von Not und Tod der Sünde, aus der entnommen zu werden, ein David betet: Schaff in mir, Gott, ein reines Herz! Das neue Testament bespricht mehr Zuständlichkeiten. Der Sünder Ende erfleht der alttestamentliche Gläubige (Ps. 104, V. 35) und der Gottlosen Ausgetansein ersehnt er. Aber die Offenbarung des Neuen Bundes verheißt und ersehnt (Offbg. 21 V. 4) Ende des Todes, des Leides und des Sündenelends. Der neue Himmel weitet und breitet sich über eine neue Erde, in welcher Gerechtigkeit wohnt. – Im neuen Bunde ist eben aller Reinheit höchste Fülle leibhaftig erschienen. Der alttestamentliche Sittlichkeitsbegriff ist in dem erschöpft, weil erfüllt, der allenthalben und allerorts auch vom Rauschtrank versucht ward und ohne Sünde blieb. Er