Seite:Hermann von Bezzel - Die Beurteilung der Fleischessünde in unserer Zeit und in der heiligen Schrift.pdf/14

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hat, Drangabe des Gottesgedankens, dessen Heimlichkeit den Leib im Verborgenen gebildet und öffentlich erlöst hat. Die Bestimmung, den Gottesgedanken in der Welt fortzupflanzen, hat der Lüstling in selbstischer Weise gestört und verlassen. Wird so der Leib seinem Zweck entzogen und zum Gefäß und Werkzeug der dämonischen Triebe entwertet, so tritt Entziehung der geistigen Kraft und des geistigen Bewußtseins ein. Der Ewigkeitsgedanke erstirbt am Lustmomente und aus ihm. Von einem pathos atimias als letztem Ausläufer, als Konsequenz widergöttlicher Leibesvernutzung redet (Röm. 1, 21–27) der Apostel, aus tiefster Nacht heidnischer Gottvergessenheit erheben sich die Irrlichter schändlicher Affekte und Sympathien: Der Mensch wird besessen und endet an sich und durch sich. –

 Philipp Nikolai sagt fein, „die Menschen sind vor dem Fall anstatt mit Kleidern mit äußerlichem Glanzschein gleich als umwölkt gewesen. Die heilige δόξα der Gottesherrlichkeit war ihr Gewand. Darum war ihre Nacktheit ihnen nicht zum Anstoß noch zur Unehre. Ihre Leiber waren das die inwendige Herrlichkeit bedeckende Kleid und ihre inwendige Herrlichkeit das Kleid ihrer Nacktheit“. „Der Mann war der Geist des Weibes, sie die Seele des Mannes, beide eines unter dem gemeinsamen Herrn,“ sagt St. Martin schön und wahr. Als aber verbotene Frucht, die auf dem Wege geduldig getragenen Geschichtsverlaufs ihm geworden wäre, von dem Menschen in Hochmut an sich genommen und gerafft war wie ein Raub, – nachdem er die Gehülfin um ihn von sich gelassen hatte, da verkehrte sich die Reinheit in Gottes Nähe zur Entstelltheit in Gottesferne, und was vordem Gewand innerer Herrlichkeit war, ward zum Verrat innerer Schande der Untreue. Das Weib von dem kosmischen Glanze des gottfremden Selbstseins in der Geisteswelt betrogen, ward zur Schlange für den Mann, den sie zum Sklaven ihres Willens, der sie zur Dienerin seiner Lüste herabwürdigte und mißbrauchte.

 Wo beide ihr Leid empfinden, da tröstet der mit Vergebung, der allen alles geworden ist, damit in ihm alles befestigt würde und verscheucht die Verkläger und heißt die Steine wegwerfen, die ihnen bestimmt waren und macht sie frei. Der die Ehebrecherin frei gab und die Huren selig pries, verdammt die Sünde und rette den Sünder, der ihrer müde geworden ist. Mit werbender Treue einer erbarmenden Mutter wendet sich die göttliche Seelsorge an unser Geschlecht (Jes. 48, 18): „o daß du auf Meine Gebote merktest, so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen,“ ein Bad der Reinheit und ein alles bedeckendes Sühnemeer würde ihm zuteil.

 Verehrte Herren und Brüder, lassen Sie uns mit unserem geknechteten Volke freundlich reden, ihm zu Herzen sprechen und ohne den falschen Pessimismus, den Tod der Seelsorge, an ihm arbeiten und für seine Rettung beten. Lassen Sie uns nicht in äußeren Verbündnissen, sondern in lautrer Gemeinschaft des Gebetes, der Arbeit des Herrn im fremden Lande gedenken, Jerusalem, das droben ist, im