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was nicht gemäß ist? Wen ein Kind nicht liebt, der möge in sich gehen und Buße tun, denn er muß dem Kind irgendwo sein Aergernis gegeben haben. Vor wem Kinder sich zurückziehen, der möge wohl Einschau halten, ob er nicht eine Kindesseele, unwillentlich vielleicht, gekränkt hat.

 Ihr Eltern, laßt die Phantasie leben, blühen, wachsen, laßt sie nur nicht üppig werden. Wenn sie in Lüge verfällt, mag man sie beschneiden. Es ist etwas Großes, wenn die Kinder sich so einfach mit Wenigem genügen lassen, und nun vor ihren Blicken die ganze weite, holde Zauberwelt sich auftut und aufbaut. In dieser Zauberwelt walten sie und sind heimisch und vergessen Sorge und Kummer und, wenn es fromme Kinder sind, tritt in diese Zauberwelt der Glaube ein, der die ganze Welt der Verderbnis, die auch in der Kindesseele erwacht, überwindet. – So einfach, wie ein Kind betet, das in sein Gebet alle kleinen Gedanken mit hereinnimmt, das im besten Sinn des Wortes „frei betet“, können wir Alten es nimmer und müssen erst vom Kinde wieder lernen auf die Hände des Herrn schauen, in rechtem und unmittelbarem Glauben, daß er denen, die sich zu ihm halten, seine Treue nicht entziehen wird. – Laßt dem Kinde seine Gedanken über Gott, über den Heiland, über göttliche Dinge, Himmel und Hölle! Laßt ihm seine Gedanken über Welt und Kirche, über alles, was das kleine Leben umgibt und glaubt, daß in diesem Denken der heiliges Geist sich rege und zeige.

 Denken aber und Danken, verehrte Anwesende, ist innig verwandt. Wenn Eltern ihre Kinder nicht danken lehren, erziehen sie Revolutionäre. Wenn ein Kind nicht für die kleinste Gabe danken kann, als ein unverdientes Geschenk der Freundlichkeit, die sich zu ihm tat, so wird es anspruchsvoll, begehrlich, überreizt, blasiert, unzufrieden mit allem, was ihm geworden und geht schließlich in Trübsinn und Verbitterung unter. Darum lehrt die Kinder danken, ohne daß ihr doch die Größe einer Wohltat ihnen lange vorhaltet, denn das heißt den Dank ersticken, wenn man dem Kinde drei und viermal des Tages immer wieder vorstellt, daß es empfangen habe und wie es empfangen habe und wie Großes ihm geworden sei. Aber sagt ihm, daß Danken Pflicht ist und zeigt ihm, daß es Freude und Ehre ist. Gedächtnis und Dank nennt der alte Weise als Hauptstücke. Ich füge ein Drittes hinzu: „Streben und Wille“. Hier, verehrte Anwesende, muß ich mit kurzen Strichen mir genügen lassen, weil das große weitumgrenzte Gebiet beginnt, das in der Kürze einer Stunde nicht durchmessen werden kann.

 Wenn das Kind neidisch wird – Augustin im ersten Buch seiner Konfessionen hat ein wunderbar herbes Bild des Neides gezeichnet, dann zeigt ihm, daß andere weit weniger haben. Eltern, die ihr euren Kindern Freude machen könnt’, laßt es auch in das Leid des Lebens sehen. Das arm gekleidete, kranke Kind, die mühselige Hütte der Armut, sollen dem Kinde nicht verschlossen bleiben, damit es ahnt, wie freundlich es sein Gott geführt hat. Und wenn der Neid sich regen will, dann entsage und entziehe auch deinem Kinde, damit es

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Die Pflege der Kindesseele. Verlag der Buchhandlung des Vereins für innere Mission, Nürnberg 1918, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Die_Pflege_der_Kindesseele.pdf/12&oldid=- (Version vom 8.9.2016)