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die Scheltrede, sondern das ernste, bestimmte, klare Wort, das den Mut hat, auch die Fehler zu nennen. Wir leben jetzt in der Zeit der Umschreibung. Wer die besten Umschreibungen weiß, der ist zur Zeit Meister. Wehe den Eltern, die die Fehler, ihrer Kinder mit zarten, süßen Worten umschreiben, um schließlich das Kind merken zu lassen, daß seine Fehler nicht einmal so groß waren. Nennt die Fehler unumschrieben mit den rechten Worten und dann straft auch mit der Tat. Gott hat euch Strafgewalt anvertraut, hat euch auch Verstand gegeben, das Rechte hier abzumessen und zu begrenzen. – So kann man die Kindesseele pflegen, daß sie heranwachse zu der göttlichen Größe, von der Paulus im 5. Kapitel des Epheser-Briefes schreibt, zu dem Maße des vollkommenen Alters Jesu Christi. – So kann ein Kind Gottes ein Mann Gottes werden, zu allem guten Werk geschickt. (2. Tim. 3, 17.)

 Liebe, verehrte Anwesende! Euch ist eine große, weittragende Aufgabe befohlen. Ihr sollt unsere Totengräber, die einst an unseren Gräbern die Glocke rühren werden, erziehen, nicht, daß sie mit uns unseres Volkes und unserer Kinder Zukunft bestatten und wenn es hoch kommt, mit etlichen kargen Tränen beweinen, sondern daß sie an unseren Gräbern eine Zukunft heraufführen, lichter, reicher, wahrer als die Vergangenheit war, die wir jetzt Gegenwart nennen. Euch ist ein großes Stück des Wohles unseres Volkes und unserer Kirche anvertraut. Tragt diese Kleinen und die mit ihnen gegebene Verantwortung auf betendem Herzen und in sorgenden Händen.

 Heute ist der 10. November. Wie könnte ich des Mannes vergessen, der ein echtes deutsches Haus gebaut und seine Kinder in Zucht und Ernst, in Mäßigung und Schlichtheit erzogen hat, des Dichters und Sängers des deutschen Hauses und der deutschen Familie. Wer „Die Glocke“ einmal auf sich hat wirken lassen, weiß, wie dieser deutsche, ich sage gerne, dieser prophetische Dichter ein Haus sich erbaute, Zierde und Schmuck gegenüber dem verfallenen und unschönen Haus seines größeren Freundes. Wir danken heute, an dem Geburtstag Friedrich Schillers, diesem teuern Mann für alles, was er an Erziehungsweisheit, an Erziehungsernst im eigenen Hause geübt und unserem Hause geschenkt und gegönnt hat. Aber wenn der Name Schiller vielleicht, ich möchte sagen gottlob, in den Kreisen unserer bäuerlichen Bevölkerung noch nicht bekannt ist, ein anderer Name geht durch Stadt und Land und so lange evangelische Herzen noch von Ehre wissens, denken sie des schlichten Bergmannssohnes, der alle Erziehungsweisheit aus den Schachten göttlicher Erbarmung hervorgeholt, Kinderspruch im Katechismus, Kinderlieder an Weihnachten geschenkt und gesungen hat. Solange evangelische Herzen glauben, daß Danken den Mann ziert, lesen wir die kindlichen Briefe Luther’s an sein Söhnlein und rufen dem, der ihn jetzt nicht mit Lorbeer, sondern mit Siegespalmen ehrt und krönt, dankend zu: „Er verdient es, daß du ihm dies erweisest, denn er hat unser Volk lieb gehabt und die Schule hat er uns erbaut!“

 Und wenn wir Alten unseres Luther vergäßen, so werden unsere Kinder unsere Richter sein, so oft sie an Weihnachten anstimmen: „Vom

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Die Pflege der Kindesseele. Verlag der Buchhandlung des Vereins für innere Mission, Nürnberg 1918, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Die_Pflege_der_Kindesseele.pdf/15&oldid=- (Version vom 8.9.2016)