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traurigen Notbehelf betrachte, ansehen, in denen dem Kinde ein kärgliches Obdach bereitet ist, weil eben Elternliebe sich ihm versagt oder entzieht, dann möchte ich glauben, daß das vielgepriesene „Jahrhundert des Kindes“ auf der einen Seite zum Zerrbild verdrängt und verschwommen, auf der anderen Seite mit Fluchen und Schelten begleitet ist. –

 Wie aber stehen wir, verehrte Anwesende, zu diesen Problemen, die wir wissen, daß man sich an den Kindern, an seinen Kindern oder an fremden, Himmel und Hölle erwerben kann? Wie stehen wir zur Frage, die wir den großen Kinderfreund ein wenig kennen, der ein verfehltes, verworfenes und verkehrtes Leben da einsetzen und eintreten läßt, wo einem dieser Geringsten, die an ihn glauben, ein Aergernis bereitet wird?

 Wie stehen wir zur Pflege der Kindesseele, die der große Herr, der um unfreiwillen selbst arm und Kind geworden ist, uns an’s Herz gelegt und auf das Gwissen gebunden hat? –

 Ich muß wohl, um der Frage näherzukommen, die andere in der Eile zu erledigen suchen. Was ist eigentlich die Seele? Wie entsteht sie? Haben die recht, welche uns erklären, Seele sei eine rein äußerliche Funktion, rein mit dem Leibesleben zusammenfallend und mit ihm vergehend? Wenn der Leib blüht, wächst und gedeiht, freut auch die Seele sich dieser Entwicklung und wenn der Leib in Asche verloht, zerbricht die Seele und zerflattert in der Luft.

 Zwar ganz neu ist diese Anschauung nicht. Wer meint, daß sie ein Geschenk des aufblühenden 20. Jahrhunderts ist, dem rate ich, ein Buch aufzuschlagen, das im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung geschrieben ist, der „heiligen Schrift“ zwar nicht gleich zu achten, aber doch nützlich und gut zu lesen „die Weisheit Salomos“. Im 2. Kapitel findet er diese neufassonierte Weisheit mit dürren Worten und wem das noch nicht genügt, der nehme vielleicht das Buch des Lukretius Carus „Ueber die Natur der Dinge“. Dort kann ers weit genauer finden, was man jetzt monistische Religion, monistische Lebensanschauung nennt. Wenn eine moderne Lebensanschauung durch ihr antikes Gewand sich empfiehlt, so kann ich für die Antike dieses Gewandes volle Bürgschaft, für die Empfehlung freilich nicht die geringste übernehmen. -

 Ist also die Seele zugleich mit dem Leibe entstanden und vergangen, dann ist Gebet Unsinn, denn der Gedanke ist nichts anderes als eine äußere Funktion deines Gehirns; so wie dir der Schweiß auf der Stirn steht, wenn du arbeitest, so erheben sich allerlei Bläslein in deinem Gehirn, welche die altmodischen Leute Gedanken nennen, wobei nicht zu leugnen ist, daß manche Gedanken an Bläslein erinnern. –

 Oder ist es anzunehmen, wie man uns jetzt von geschätzter pädagogischer Seite sagt, daß die Seele ein ganz leeres Blatt ist, auf das mit der Zeit allerlei Schriftzüge eingetragen werden, ein Blatt ohne Inhalt und ohne Formung, von dem ein Dichter sagst: „Wie auf ein zitternd Blatt man mag nicht schreiben, so auf der Seele auch nichts fest mag bleiben.“

 Verehrte Anwesende! Vielleicht waren unsere alten Vorfahren, obwohl sie im Heidentum sich befanden, etwas klüger als ihre Nachtreter,

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Die Pflege der Kindesseele. Verlag der Buchhandlung des Vereins für innere Mission, Nürnberg 1918, Seite 03. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Die_Pflege_der_Kindesseele.pdf/3&oldid=- (Version vom 8.9.2016)