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wenn sie den Begriff der Seele – Saivala – das Schwebende, das Lebendige, das in sich wieder sich Bewegende und aus sich Heraussetzende und Heraustretende nannten, wo Gustav Freytag anmerkt, mit Recht, wie ich glaube, „Seele ist also die vieldeutige Bewegung des Geistes im Körper, Seele ist dieses Auf- und Abwogen von Sinn und Stimmung, von außen her erregt, im Innern bewegt und bewirkt“. –

 So hat vielleicht Goethe recht, wenn er im bekannten „Gesang der Geister über den Wassern“ sagt: „Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser“! – Wir sprechen noch deutlicher und sagen: Seele ist der Gottes-Geist, der sich in dem Einzelleben, individualisiert, der in einem Einzelleben sich ausgestaltet, der Gottesgedanke, der als Idee in Ewigkeit vor Gott bestehend als Wirklichkeit in’s Leben eines Menschen und in ihm eintritt. Seele ist nicht etwas, was da vergehen könnte, sondern es ist Abglanz, ewiger Schöpferwille und Ausstrahlung ewiger Schöpfergedanken in das Einzelleben.

 Und wie wird die Seele? Große Denker, die dann auch von einer Wanderung der Seele redeten und von einem Weg, den die Seele durch 10 000 Jahre gehen müsse, bis sie wieder in ihren Ursprung zurückkäme, haben die Seele vor aller Ewigkeit bestehen lassen. Große Väter der Kirche haben versucht, diesen Gedanken als einen wahrhaften darzulegen und auszuweisen, daß also vor aller Weltzeit die Seele sich bereits gegen den entschieden habe, in dem sie doch urständet und von dem sie ausgeht, daß bereits in einer all unseren Begriffen entnommenen Welt diese Scheidung und Entscheidung sich vollzogen habe, also daß das Menschenleben bereits unter dem Druck einer vor seiner zeitlichen Wirklichkeit erfolgten Entscheidung stehe.

 Ich glaube das nicht, und die Kirche meines Bekenntnisses hat nie so gelehrt, sondern ich glaube, daß auf demselben Weg, auf dem nach Gottes Schöpferwillen oder auch nach Gottes Zulassung, ein Menschenleben sich bildet, auf demselben Wege auch die Gottes-Idee diesem sich bildenden Menschenleben sich mitteilt und in ihm zur Seele wird. Ich glaube, daß wir von Vater und Mutter ganz bestimmte Bestandteile auch unseres Seelenlebens übererbt und mit in’s Leben bekommen haben, glaube aber auch, daß wir nicht mühselige Kopien von Menschen sind, die, bloß der Zeitlichkeit entnommen, jetzt noch auf uns fortwirken müßten und unter deren Schuld wir fortlitten, oder unter deren Guttat wir uns folgerecht entwickeln müßten, sondern daß in dieses geheimnisvolle Weben fortschaffender und fortwirkender Natürlichkeit Gott seinen Einzel- und besonderen Gedanken eingesetzt hat. Ich möchte das am liebsten mit einem Bild Dante’s in seiner „Göttlichen Komödie“ veranschaulichen. Er sagt dort, daß der Wein von dem Weinstock, von den Reben, sich ergebe, das sei wohlbekannt, wenn aber der Sonne Strahl und des Mondes helles Licht die Reben nicht bescheine, werde nie der Wein ausreifen. Wenn nicht Gottes heiliger Gedanke, der freilich auch zum Fluch sich wenden kann, auf ein werdendes Menschenleben niederschaut, niedertaut, so wird dieses Menschenleben nie eine Selbständigkeit, nie eine lebendige Seele sein.

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Die Pflege der Kindesseele. Verlag der Buchhandlung des Vereins für innere Mission, Nürnberg 1918, Seite 04. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Die_Pflege_der_Kindesseele.pdf/4&oldid=- (Version vom 8.9.2016)