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 Darum, verehrte Anwesende, weil wir glauben, daß jede einzelne Menschenseele einen geheiligten Ratschluß Gottes voraussetzt und einen besonderen Gottesgedanken in sich darstellt und auswirkt, darum sagen wir: „Habt Achtung vor der Kindesseele, denn sie ist einmal von Gott in diese Welt gebracht, und eine gleiche kommt nimmermehr“. –

 Daß Tausende von uns als armselige Kopien sterben, ist nicht eine Anklage gegen Gott, den mangelhaften Urheber, der uns nach so viel Dürftigkeit wieder besäße, sondern ist unsere höchsteigene Schuld, die wir das Original Gottes verderbt, verzerrt und verkehrt und schließlich in sehr mäßige Kopien verwandelt und verunehrt haben. –

 Wie aber soll die Pflege der Kindesseele sich darstellen und vollzogen werden? Wenn ich recht sehe, auf indirektem und auf direktem Wege. Auf dem indirekten Wege, von dem man freilich in unseren Tagen nicht allzuviel mehr wissen will, auf dem Wege des Gebets. Hier gilt es für die Eheleute, denen die Hoffnung, daß ihr Name und ihres Namens Ehre und Habe und Gut durch ein neues Leben fortgesetzt wird, das Herz erfüllt, eine Einheit zu bilden über dem, was sie bitten wollen, eins zu werden in dem Hingehen zu dem Thron Gottes. Das Gebet der Eltern, das die Kinder, ehe sie das Licht des Tages erblicken und wenn sie nun an’s Tageslicht getreten sind, begleitet, ist eine Schutzmauer, die sie vor dem Gemeinen und Unreinen, vor dem Gewöhnlichen, dem zersetzenden Tagesgeschrei und der vergifteten Luft der Straße behütet und abschließt. Das Gebet der Eltern, nicht in leere Worte gefaßt, nicht mit feierlicher Rede bekräftigt, sondern in dem Seufzen der Mutter, die ihre Stunde herankommen sieht, in der Angst des Vaters, daß das an sein Leben gekettete geliebte Wesen nicht leiden und umkommen müsse, dringt als stiller Gedanke zu Gott empor, daß Er etwas werden und sein lasse zum Preise seiner Gnade. – Denn wenn die Kinder das Licht der Welt erblicken, haben sie – das ist nicht eine schwarzseherische Theologie, die mit ihrem Blick die ganze gottbeglänzte Welt verheert, sondern das ist die Anschauung auch der Philosophen, die man jetzt als die Leiter der Menge auf den Schild hebt – eine Mitgift, das ist die Sünde, die durch das Geschlecht hindurch wirkt. Nachdem einmal das ganze Meer der Menschheit mit Gottwidrigkeit erfüllt ist, wird der einzelne Tropfen dieses Meeres nicht ausgenommen sein und nachdem einmal die Wurzeln des viel verästeten, reich verzweigten Lebensbaumes kranken, kann auch die entfernteste Blüte und die von den Wurzeln fernab gelegene Knospe sich dieser Wirkung nicht ganz entziehen.

 Ein großer Philososph hat gesagt: „Wenn ich von der Schrift etwas glaube, so ist es das Wort im ersten Johannis-Brief: Die ganze Welt liegt im Argen“. Wenn also das Kind, umströmt von einer Menge schwerer Eindrücke, bereichert mit einer von Gott gelösten Armut und eingestiftet in einen gottwidrigen Prozeß, das Leben begrüßt, so begrüßt es ein Leben, das mit allen Fasern zu Gott hin wollte und mit aller Widrigkeit von Gott sich löst, das nicht zum Frieden kommt, bis es in seinen Ursprung wieder einkehrt und Heimkehr gehalten hat und das doch die Ruhe nicht will, die allein in diesem geheimnisvollen Wesen ihm geschenkt

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Die Pflege der Kindesseele. Verlag der Buchhandlung des Vereins für innere Mission, Nürnberg 1918, Seite 05. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Die_Pflege_der_Kindesseele.pdf/5&oldid=- (Version vom 8.9.2016)