Seite:Hermann von Bezzel - Die sieben Sendschreiben.pdf/84

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Sardes ist reich gewesen, die Gemeinde war in guter Ordnung, Werke der Barmherzigkeit mangelten ihr nicht. Auch die Huldigungen der Umgebung entgingen ihr nicht; und wo sie fehlten, da schien es ihr, als seien sie wegen ihrer Christentreue ihr verweigert. Ihre Schmach war „die Schmach ihres Herrn“, ihr übler Leumund die Folge ihrer „Treue zu dem übel berüchtigten Jesus von Nazareth.“ Wo sich Kritik gegen sie erhob, da war es die Kritik „ihrer Treue“. Jetzt aber erscheint der Herr selbst vor dieser Gemeinde und sagt seinem Knecht Johannes, er möge sich beeilen und seine Meinung kundgeben: „Ich weiß, daß du lebst und bist tot!“ Wohl dem Menschen, der es jetzt noch hört, dem auch die bitterste Wahrheit lieber ist als die Lüge der Phrase.

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 Ach, man glaubt wohl, es könne uns nur der Strick der Sünde binden. Die meisten Menschen meinen, die Bande der Sünde seien besonders starke Ketten, und vergessen, daß weit mehr Menschen unter zarten, seidenen Banden verloren gehen. Das sind die seidenen Fäden, mit denen ein Mensch an die Erde gebunden wird, diese gefährlichen, einschneidenden Bande, die Bande der Phrase. Wir wollen den Herrn recht inbrünstig bitten, daß er alles in unserem Leben, alles, was wir haben, alles, was wir geben, von diesen Banden frei mache. Können wir uns denken, was für eine Kraft ausgehen würde, wenn sich vier- bis fünfhundert Christenleute zusammentäten, gegenseitig zu geloben, daß man alle Redensarten meide. Wie unendlich einfach wäre der Verkehr und wie lieblich würde das einfache Wort sein! Welchen Ballast von Schutt und Steinen braucht man jetzt, um einen Menschen