Seite:Hermann von Bezzel - Die sieben Sendschreiben.pdf/88

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Gebet war krankhaft gesteigerte Empfindung; mein Wandel war nur nach außen gerichtet, innerlich aber war er zuchtlos. Meine Rede war Demut, aber mein Herz voll Stolz; mein Sinn schien dem Wahren zugewendet, aber innerlich log ich mich täglich an. Wenn der Herr also fragt, so ist die Antwort bereits gegeben. Aber er, der da spricht: „Du hast den Namen, daß du lebst und bist tot!“ (V. 1), Er will auch wieder aufwecken durch solche ernste Frage und mahnt: „Sei nüchtern, wachsam und stärke das andere, das sterben will!“ Also ist der Tod noch nicht so weit fortgeschritten, das Scheinwesen noch nicht so weit verbreitet, daß ihm nicht mehr könnte geholfen werden; sonst würde es nicht heißen: „Sei wacker, sei wachsam!“ Also zum Trost wird gesagt: Alle die Kräfte, welche der eigenen oder der andern Seele nützen könnten, sind noch vorhanden. Er braucht nur aufzuwachen, dann wird er alle Kräfte wieder loslösen, mit denen er das andere stärken kann, was sterben will. Wir hören also, daß das Scheinwesen doch immerhin auf das Sein zurückweist. Wo viel Scheinwesen, viel schöne Worte sind, da ist doch auch noch ein Sein, eine Wirklichkeit, ein Kern. Es kann nur etwas Schein werfen, wo Sein ist. Wenn ein Schatten ausgeht, muß irgendwo noch Licht sein; ein Schatten weist noch auf ein Sein hin. Der Bischof und seine Gemeinde müssen also wieder aufwachen, um zweierlei zu erkennen:

1. die Kräfte, welche sie sich erträumten, ohne sie zu haben, und
2. die Kräfte, welche sie vergaßen, die sie aber wirklich haben und bloß wieder aufwecken dürfen.