Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/10

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wollen großzügig werden und üben im kleinen nicht Treue; wir wollen treu im kleinen werden und verlieren den weiten Gesichtspunkt: wir werden pedantisch und wollten treu sein; wir werden leichtfertig und wollten groß sein; wir werden großartig und wollten doch verleugnend sein. Es ist merkwürdig, wie Gott der Herr, um einen Menschen auf die Ewigkeit sich freuen zu lehren, falsche Winkel einstellen muß. Ueberall drängt uns auf einmal eine bisher nicht gekannte Welt; von allen Seiten dringt in uns eine Menge von Beziehungen, Aufgaben, Arbeiten herein, an die wir gar nicht dachten und die doch so nahe lagen; wir merken erst, wieviel tausend Menschen an uns ein Recht haben: es wird uns bange, wie wir auch nur einer Arbeit genügen sollen. Und da tritt das Wort an uns: Mensch, gedenke, daß du ein Ziel hast; und das Ziel heißt: „Ihr sollt vollkommen sein, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Ich meine, wenn wir einmal den Blick auf unsre Dürftigkeit gerichtet haben, welche die Aufgabe kaum ansieht, geschweige denn an sie sich wagt, und wenn wir hineinsehen in das, was noch zu leisten ist, dem gegenüber wir mutlos die Hände sinken lassen, so ist es ein furchtbares, ich möchte fast sagen höhnendes Wort, wenn es nicht aus dem Munde des ewigen, mitleidigen Hohenpriesters käme: „Ihr sollt vollkommen sein.“ Wir wissen, daß all unser Werk Stückwerk ist; wir sehen, wie ein einziger Teil das Ganze verdirbt. Haben wir einmal etwas leidlich fertig, so kommt die Angst über uns, ob nicht ein falscher Beweggrund den ganzen Teig versäuert, der eben fertig gegoren und gebacken ist. Ist einmal etwas erreicht, so möchten wir es zertrümmern und können nimmer: es ist fertig, es steht vor dem Herrn. Wir möchten nicht die edle Ader aus dem Werk herausmeißeln, sondern aus dem wenigen Edlen das ganz Unedle herausbrennen: es ist vorüber, es ist vorbei. Und nun steht den Menschen, die von der Reue und in der Reue täglich leben, das Wort wie ein unsichtbares fernes und unerreichbares Ideal vor Augen, wie ein holder Traum, der die Wirklichkeit um so düsterer erscheinen läßt, das Wort: Ihr sollt vollkommen sein. Also die zwei Erkenntnisse habe ich im Glauben: Ich bin ausgegangen von dem Vollkommenen und um zu Ihm zurückzukehren muß ich vollkommen sein. Ich komme her als ein Meisterwerk von einem großen Künstler, und damit er sein Werk an mir erkenne, muß ich immer mehr ein Meisterwerk werden. Jetzt wird das Leben, das sich eine kleine Weile in der Breite ergehen wollte, so geängstet und die Arbeit des Lebens so ernstlich schwer, und alles, was in diesem Leben uns auferlegt, so sehr bedeutsam und niemand kann uns von diesem Gedanken befreien. Ja, wir können wohl große, große