Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/103

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

sie alles hergibt und nun Auge gegen Auge ihrem Herrn gegenüber steht; dann geht es wie ein reinigender Hauch, wie eine durchheiligende Flamme, wie ein Luftzug aus der Ewigkeit, der all diese arme schwüle Welt durchdringt, auch durch die Christenseele: Hab’ ich doch Christum noch, wer kann mir den nehmen. Die weibliche Diakonie wird nur dadurch erstarken, daß sie arm wird. Sie wird lernen müssen, daß es ein großes Ruhm ist zu beten: Nichts Großes, aber etwas Ganzes, nichts Bedeutendes, aber etwas Echtes. Sie wird inne werden, daß sie dann am nächsten ihrem Herrn Jesus kommt, wenn sie mit Ihm die göttliche Verlassenheit erträgt, weil in ihr die Gottesnähe umfaßt wird. Es ist ganz gewiß jetzt eine Zeit angebrochen, wo all die mannigfaltigen Berufe, welche die Welt der Diakonie aufgezwungen und der Herr mit dem Lächeln des Erbarmens ihr zugelassen hat, mehr zurücktreten. Wir leben ungezweifelt in einer Zeit, wo die Strahlenbrechungen der Jesu nachfolgenden und in Jesus erwachsenden Liebe immer mehr zurücktreten müssen, damit alles auf das eine sich sammle: Dir gebe ich mein Herz zum Opfer. Wie gern hat Luther Christi Gnade in allen Spiegelungen des Lebens erkannt, aber am liebsten doch in dem Moment: Zuletzt wenn unser Stündlein kommt. Wie hat er darauf hingewiesen, daß die letzte Probe aller Gottes-Nachfolge die sei, auf die Sichtbarkeit Seines Eingreifens verzichten zu können.

 Es werden diese 35 Schwestern die eigentliche Vollendung ihres Lebens in einer kümmerlichen Zeit erleben. Wenn der Fortschritt der Verneinung und die Herausgestaltung der Gegensätze so rasch sich vollzieht, wie er sich nachweislich in den letzten zehn Jahren vollzogen hat, wird es nicht vermessen sein, zu behaupten, daß ihr Alter in eine gar schwere und lichtlose Zeit fallen wird. Wenn aber auch die Zeit nicht so schwer und die Erscheinungen nicht so lichtlos würden, wie ich es fürchte, es gibt doch überhaupt keine Zeit in der Nachfolge Jesu und in Seiner Kirche, in der nicht dieser auf alles verzichtende Kampf geführt werden muß. So gewiß das, was man unter Antichrist und tausendjährigem Reich und Bindung des Bösen und Friedenszeit versteht, in der einzelnen Christenseele durchgelebt werden muß, und so gewiß alles das, was die Kirche in ihren letzten Dingen bezeichnet, von jedem Christen in seinen letzten Dingen durchlebt und durchlitten werden soll, so gewiß werden die letzten Phasen der Kirchengeschichte von jeder Seele vorweg genommen werden. Gerade in unseren Tagen muß der große Geisteskampf von jeder einzelnen Seele durchlitten und durchrungen werden, der dann in der Gesamtheit des Lebens sich vollziehen, darstellen und ausreifen wird.