Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/64

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 Wie weit darf eine Diakonisse Seelsorgerin sein? Hier steht für mich ein Wort, daß St. Petrus gesprochen hat, und das Wort soll allen gegenüberstehenden Meinungen zum Trotz bleiben bis ans Ende: Der wortlose Wandel ist die beste Seelsorge, so im allgemeinen wie im besonderen. Wie uns Dienern der Kirche Tertullian einmal das Wort vorhält: „Die Wahrheit errötet vor keinem Gedanken mehr, als daß sie in ihr verborgen bleiben könnte“, und wie wir Diener des Wortes die hohe Aufgabe haben, unsern Wandel leuchten zu lassen, damit nicht unser Wort wie ein Donner hinrollt, dem kein befruchtender und verneuender Regen folgt, so hat das Geschlecht, dem der Herr aus lauter Gnade die Behütung vor dem Wort in Seinem Wort gegönnt hat, die hohe Pflicht wortlos zu predigen. Es ist nicht bloß die Empfindung eines stark ausgeprägt männlichen Gefühls, nicht bloß die Empfindung, wie sie vielleicht seitens eines Schopenhauers in unsere Männerwelt gelegt worden ist, die in ihrer Stärke geradezu eine Erbärmlichkeit beweist, sondern es ist der christliche Takt, den der Herr dem Manne gibt, wenn er mit unverhohlenem Mißtrauen auf alle seelsorgerliche Art der Frau hinschaut. Es wird in unsern Tagen wieder reichlich viel gegeben. Es ziehen diese Bibelschülerinnen durch die Lande, welche die nicht neidenswerte Gabe besitzen, irgend ein Wort der heiligen Schrift aufzuschlagen, um sofort es auslegen zu können; sie sind auch felsenhaft davon überzeugt, daß diese Auslegung immer die richtige ist; und wenn ein anderer etwa nicht „vom Richtigen“ getroffen ist, dann ist er kein Erweckter. Wer diese Erklärung dieser Bibelfrauen, die zweierlei mit sich führen – ein Elberfelder Neues Testament und eine große Suada – schon einmal an sich und seiner Leiblichkeit erfahren hat, verzichtet auf jede weitere Fortsetzung. Nicht alles Treugemeinte ist auch treu, und nicht für alle Torheiten entschädigt und entschuldigt die gute Absicht. Ich bin der letzte, der die gute Absicht leugnet, denn ich glaube gewiß, daß hier ein brennender Eifer für den Herrn Jesus Platz greift; ich möchte mit keinem einzigen unguten Wort das dämpfen, was brennen zu müssen meint.

 Aber ich kenne auch den Apostel, der obwohl er gesagt hat: „Seid brünstig im Geist“, weiterführt: „ringet darnach, daß ihr stille seid und das Eure schafft.“ All dies Reden, das von diesen begeisterten Jüngerinnen ausgeht, all dies Weissagen, das da sehr leicht statt auf den Willen zu wirken das Gefühl mächtig erschüttert, hat die große Frage: Freund, wo bist du hergekommen? Und ich glaube, unser Herr würde seine liebe Not haben, wenn diese wortreiche Art allzusehr unsere Kreise beherrschen würde.