Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/70

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

für seine Stärke hält und von Herzen Ihm nachfolgt, derselbe Mensch wird frühe die Hilfe erfahren und wird eine Persönlichkeit für Andere sein. Aber freilich, wenn die Persönlichkeit nicht Licht ausstrahlt, wenn nicht Licht von ihr ausgeht, so wird sie nie etwas erreichen. „Unseres Herrgotts Wunderleute“ sagt Luther einmal, „sind fröhliche Leute!“ Sie haben es ja dem Tode abgewonnen, daß er ihnen eine Brücke zur Heimat sein muß und haben in der Lebensvernichtung den Lebensanfang erblicken gelernt. Es ist ihnen die Größe zu Teil geworden, daß sie beim Aufhören des Lebens sagen können: „Jetzt kommt erst die Wahrheit des Lebens!“ Sie haben, indem sie einem toten Menschensohn ins Grab nachgesehen, die wahrhafte Auferstehung desselben erblickt und in Ihm das Leben der Welt.

.

 Ich glaube überhaupt, daß der Schmerz und das Leid es nie zur Persönlichkeitsbildung kommen läßt. Ich habe vielmehr gesehen, daß alle die Menschen, die aus dem Seufzen nie herauskamen, verworrene und verwirrende Charaktere wurden. Auch die Reue kann eine Persönlichkeit zersetzen, auch die Tränen der Buße können das Heilandswerk zerstören. Das ist kein Widerspruch zu dem, was ich vorher sagte. Das ist gewiß, wenn ein Mensch seufzt, so hat er kein Teil an dem Friedenswerk, das Gott mit ihm vor hat. Freudige Persönlichkeiten, denen das Glück vom Angesicht und von ihrem ganzen Wesen scheint, haben gegen die am allermeisten zersetzende Macht einen Kreuzzug beschlossen. Und die alle Persönlichkeitsbildung am meisten aufhaltende und störende Kraft ist die Laune. Die Laune ist immer das Kind der unerfüllten Träume; nur ein Träumer hat Launen. Der Mensch des Wachens und des Lebens hält sich von diesen Ausgeburten, in denen das Sein und das Seinmögen in schlechtem Verhältnis stehen, frei. Ein launenhafter Christ hat die Nachfolge dessen verlassen, der da sprechen konnte: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig!“ Und wenn es bei uns manchmal zu gar keinem Ziel kommen will und wir so müde und verdrossen an unsere Arbeit gehen, so wollen wir wohl fragen und werden erfahren: Die Laune, die vom Augenblick das begehrte, was die Ewigkeit allein zu geben verheißen hat, die Stimmung, die von Menschen das erwartet, was allein des Menschen Sohn zu geben Sich vorbehielt, die Reizung, welche durch eine rasch enteilende Stunde ein Glück sich erhoffte, das allein die fortgesetzte Gnadenwirkung gibt, diese alle zerstören das Glück der Persönlichkeit. Man kann es nicht oft genug sich und Anderen sagen: Kämpfe gegen deine Launen, denn Launenhaftigkeit zerstört alle deine Arbeit. So geht eine Dienerin Jesu, an der Er Sein Werk begonnen und fortgeführt hat, ihre Straße, und auf ihrem