Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/71

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Antlitz ruht der stille Friede, der bei einem Menschen einkehrt, welcher mit seinem Herrn geredet hat und weiß, daß die Augen seines Hirten ihn begleiten. Dadurch geht, wo eine Dienerin Jesu eintritt, der Friede vor ihr her. Und wenn bloß das erreicht wäre, daß im Beisein von Diakonissen rohes, unschambares, unwürdiges und unkräftiges Gerede verstummt, wenn nur das erreicht würde, daß man sich geniert, leere und nichtssagende Dinge vor ihr und mit ihr zu besprechen, so wäre schon etwas Großes erreicht; denn ein Stück Seelsorge liegt doch auch in der Verhütung. Wenn eine Schwester in ihrem ganzen Wesen, auf ihren Berufswegen, in der Stille ihrer Arbeit recht ernstlich, pünktlich, treulich des Ihrigen wartet, so wird aus dieser gehaltenen Kraft Seelsorge; denn je weniger ein Mensch es darauf anträgt, einem Andern etwas zu sein, desto mehr ist er es ihm. Sammeln Sie nicht so viel Erinnerungen! Das sind Herbarien mit getrockneten Blättern; mit getrockneten Blättern hat noch nie jemand etwas erreicht. Pflegen Sie nicht soviel Beziehungen; wenn man abbricht, dann ist abgebrochen. Es ist nicht gut, wenn im Laufe der Jahre so eine Menge von Erinnerungen sich ansammeln, denn das habe ich in meinem Leben oft genug gesehen: die Leute, die nicht genug Erinnerungstage in sich und für sich feiern und pflegen können, haben das schlechteste Gemerk für andere Leute. Solche Leute haben gar keinen Sinn dafür, daß bei andern Leuten auch dann und wann ein Tag mit einem göttlichen Wunderzeichen bedacht war. Wie überhaupt immer eine merkwürdige Verengung eintritt, wenn ein Mensch erwartet, daß Andere an ihm Interesse nehmen sollen: er erwartet einen Reichtum von Beziehungen und wird für sich immer ärmer; er erhofft einen Reichtum von Teilnahme, und alle Teilnahme, die man erpreßt, bewirkt das Gegenteil. Das möchte ich auch nur einschaltend sagen: Es ist eine merkwürdige Gottesfügung, daß jedes Extrem durch das Gegenteil sich rächt, und daß jedes Zuviel auf der einen Seite durch ein Zuviel auf der andern Seite bedacht wird. Wenn wir, ohne Beziehungen zu pflegen, weiter unsere Straße ziehen, so haben wir auf dieser Straße durch das stille Glück unseres Lebens alles erreicht. Alle Jahre wird – das hat mir einen großen Eindruck gemacht – am Todestag einer unserer besten Schwestern, deren Sterbebett mir eine große Glaubensstärkung war, ein Kranz von unbekannter Hand geschickt, ihn auf ihr Grab zu legen. Es muß also doch ihr ganzes Wesen in seiner Weihe und Würde auf diesen Unbekannten eine Kraft geübt haben; und das ist es, wenn man im spätem Leben nachdenkt: nicht diejenige, die uns entgegen kam, sondern die sich uns entgegen stellte, auch nicht diejenige, die uns nachgab, sondern die