Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/76

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 Es ist nicht wahr, daß eine einzige Berufstätigkeit in der Nachfolge Jesu eine andere störe, einer wichtigeren Abbruch tue; das ist bloß eine Kollision aus Persönlichem, die zu Unrecht einer Sache zugeschoben wird.

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 Ich wüßte auch in der Tat nicht, wie die Lehrtätigkeit, wenn sie in richtiger Weise geübt wird, irgendwie dem Zusammenhang mit den gesamten Interessen Abbruch tun oder etwas nehmen könnte; ich verstehe den ganzen Zusammenhang nicht recht. Um so ernster freilich betone ich die Notwendigkeit, Lehrschwestern nicht immer beim Lehren zu lassen; es ist einmal die weibliche Natur nicht ohne weiteres lehrhaftig. Es liegt ihr überhaupt das Abstrakte weit ferner als dem Mann; der Mann sammelt eine Menge abstrakter Begriffe und sucht die Persönlichkeiten, auf die sie passen; die Frauen haben die Persönlichkeiten alsbald im Auge und nehmen von ihnen die nötigen Abstrakta, die nötigen Begriffe zu leihen. Der Mann geht immer vom Allgemeinen aufs Spezielle, die Frau geht immer vom Speziellen und zutage Liegendem aufs Allgemeine, darum ist die weibliche Natur, außer in dem Mutterberuf, nicht lehrhaftig und im Mutterberuf ist sie es in einer ganz bestimmten Weise, die eben auf der Basis des rein Natürlichen ruht. Ich bin also der ganz entschiedenen Meinung, daß im Lehrberuf der Schwestern eine Gefahr der Unnatürlichkeit ruht; die hängt aber nicht mit den Schwestern sondern mit dem weiblichen Individuum zusammen. Wenn aber gerade der Naturbasis der Mütterlichkeit, der Hingabe, zu der das weibliche Naturell so sehr neigt, Rechnung getragen wird, dann kann eine gute und ernste Erziehung eintreten, welche dem Gesamtkomplex der Begriffe der Gemeinschaftsarbeit nichts nimmt. Lassen wir es doch dabei, daß unsere Schwestern recht und, so gut es geht, in praktische Arbeiten gestellt werden. Helfen wir dazu, daß immer wieder eine Ergänzung – ein Stoffwechsel, wenn ich so sagen darf – statt habe, damit jede Unnatur vermieden und das, was ganz unevangelisch ist, überhaupt nicht von ferne gesehen werde, als ob eine Arbeit in der Nachfolge Jesu an sich schon bedeutsamer wäre, wie eine andere. Die Wertung der Wichtigkeit hat Sich der Herr vorbehalten und so bald Er das tut, sagt Er persönlich: „Sie hat getan, was sie konnte.“ Dem Lehrsatz nach ist das sehr, sehr bekannt, daß die Diakonisse im Waschhaus dieselbe sittliche Arbeit tue und vollbringe, wie die Lehrerin in der Schule. Lehrsatzmäßig ist das sehr bekannt, ob es empirisch, ob es in der Erfahrung immer so ist, das gebe ich zu bedenken – und daß es nicht immer so ist, das ist eine große Sorge[.] Ich schließe für heute. Wir werden morgen über die Lehrdiakonie, über ihre Bedeutung und über ihre Gefahr