Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/83

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sobald hinaus und es war Nacht,“ was liegt in dem einen Wort, wie es Luther noch gestellt hat, für eine Fülle von Lebensgedanken!

 Man muß die Leute im Stil etwas ahnen lassen. Es ist nicht die Höhe des Stils, wenn er klar und flach daher kommt; es ist nicht die Höhe des Stils, wenn recht breit, recht mit Behagen alles ausgedrückt wird, sondern – das ist auch Seelsorge – der Nächste soll sich bei der Lektüre auch quälen, in Zucht nehmen, forschen, arbeiten. Ein leichtes Buch ist schlimmer wie gar keines. Und der leicht hinfließende Stil in unseren Tagen ist zwar sehr behaglich, aber nicht recht. Denken wir auch daran, wie der Unterricht in der deutschen Sprache seelsorgerlich gehalten werden soll und kann.

 Es muß dem Kinde zum Bewußtsein gebracht werden, daß im Mangel an Orthographie ein sittlicher Defekt liegt. Das Kind muß vor einem orthographischen Fehler wie vor einer Sünde sich fürchten lernen. Es ist nicht recht, wenn unter uns darauf nicht ordentlich gesehen wird und würde. Es ist eine Sünde gegen den Herrn der Kirche, wenn Dienerinnen der Barmherzigkeit nicht einmal so viel Kraft der Liebe zu ihrem Heiland haben, daß sie orthographisch korrekt schreiben mögen. Wenn ich in den kleinen Dingen Ihm die Ehre nicht geben kann, wie soll ich es in großen tun? Ich rede nicht von dem Mangel der neuen Orthographie, aber wenn ganz bestimmte Worte, die nie anders geschrieben wurden, mit einer Leichtigkeit verletzt werden, das ist mir durch die ganzen Jahre wie ein Mangel an sittlicher Ehrenhaftigkeit erschienen. Und darum muß das Kind frühzeitig darauf hingewiesen werden; wer seine Muttersprache nicht recht schreiben kann, ist ihrer nicht wert. Gerade in dem Fleiß, den man auf die Orthographie verwendet, liegt eine weit größere Arbeit als in allen möglichen kleinen Aufsätzen, hinter denen doch nicht viel steckt, wie überhaupt die besten Aufsätze von denen gemacht werden, die in schlichter, tiefer Art, das, was sie denken und haben, darstellen.

 Jede Lehrerin bitte jeden Tag um die Gabe absoluter Selbstlosigkeit und wenn man die Türklinke in der Hand hat und tritt herein, so sei es ein Seufzen zu dem, der sein Leben nicht geliebt hat bis in den Tod: Laß mich selbstlos werden, laß mich nicht um die Liebe meiner Schülerinnen buhlen, nicht die Liebe meiner Schülerinnen durch Augenaufschlag und Lächeln und allerlei kleine Künste ergattern, sondern mache mich echt, und die Echten werden mir zufallen und im übrigen gehe es, wie es will. Dem weiblichen Geschlecht eignet die Angst, daß es nicht lange ungeliebt sein kann. Ich möchte sagen, dem menschlichen Geschlecht eignet überhaupt die Angst. „Es steht“,