Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/88

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Leibes und einer unbefleckten Seele eingebüßt und verloren. Wenn Gott ein Volk demütigen will, dann läßt er es närrisch werden und unser Volk ist jetzt wie in einem Narrentaumel. Es sieht nicht, daß es wie zu einem Schlachttag geschmückt und gerüstet ist. Hier in die Diakonissenhäuser kommen etliche furchtbare Sturzwellen der langsam heran sich wälzenden Flut, die unser armes Land mit Geröll, Schutt und Schmutz überdeckt und aus dem Herzen das Bild des Heilands wegschwemmen wird. Unser Volk kann nicht mehr beten, es kann nicht mehr arbeiten, darum kann es auch nicht mehr genießen und das, was es Genuß heißt, ist mehr an der Grenze der Bestie. Man sehe die Sonntagabende in Stadt und Land an, man höre die Reden, man sehe die Gesichter, man merke die Glut des Tieres, das aus dem Abgrund nach seinen Tieren wiehert und man hat die Zeichen unserer Zeit. Es ist Bestialität, denn alle Humanität, die von Gott abgeht, wird zur Bestialität. Und wir haben in unseren Anstalten von Jesu die Frage erhalten: Was wollt ihr für euer betrogenes, verführtes, verstörtes Volk noch tun? Wir haben keine andere Antwort als die: Hier bin ich, sende mich. Und das ist in meinen Augen die Krone der Lehrdiakonie, wenn sie zur Pflegediakonie, zur bewahrenden Arbeit wird. Hier liegt auch eine nie bestrittene, unbestreitbare Arbeit.

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 Es ist mir ein trauriger und schmerzvoller Lieblingsgedanke, zu wissen, daß die Krankenhäuser den Diakonissen rechter Art langsam genommen werden. Ich rechne auch mit dem Gedanken, daß die Schulen der Lehrdiakonie langsam aus den Händen gleiten, aber zweierlei, weiß ich, wird bleiben: Die Pflege der Gefallenen und die Pflege der Blöden. Es ist eine hohe Freude, daß alles, was die Welt nicht mehr mag, dem Heiland zu Füßen fallen kann. Es ist wie eine göttliche Ironie auf alles Welttreiben: alle Hungernden, Verschmachtenden, Enttäuschten wirft die Welt zur Seite: Da siehe du zu, was geht es mich an! aber Er und seine Getreuen machen sich auf und zählen nicht die Namen und wägen nicht die Gefahr und rechnen nicht mit allen Möglichkeiten, sondern sie trösten Sein Volk und reden mit den Armen freundlich und sagen ihnen, hier können sie trauen, während ihre einstigen Vertrauten sie verließen. Diakonissenhäuser der Zukunft werden wohl tun, wenn sie die Arbeit an den Gefallenen mit der allergrößten Liebe umfassen. Damit treten sie wieder in den Knechtsorden ihres Meisters ein. War es vordem wie ein goldgesticktes Gewand anzusehen, daß sie die wohlgeratenen und wohlgelittenen und wohlgeordneten Kinder der Durchschnittsleute erzogen, so legen sie jetzt das arme, zerrissene, unscheinbare, viel abgebrauchte und