Seite:Hermann von Bezzel - Erziehungsfragen.pdf/11

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

und der arge, erschlaffende Feind, der Selbstbehauptung – rühmt, wo Selbstliebe sich pflegt, kann ihn nicht antasten.

 Zu dem einen Stabe aber hat der himmlische Erzieher einen anderen, zum rauhen und harten den strengen und herben gefügt: Lerne dich anstrengen. Wir leben im Zeitalter der Überbürdung, des tremor examinicus, wie der alte Ansbacher Doktor Heidenreich das Schulfieber gelehrt umtaufte. Vom Kinde, das nimmer spielen kann, weil es mit dem raffiniertesten Spielzeug ausgestattet war bis hin an zum Manne, der hinter dem Schreibtisch sitzt, über den Schüler hinaus, der mit schwerem Kopfe zur Schule dämmert und über die höhere Tochter hin, die sich mit „spannender Lektüre“ Herz und Sinne beschwert hat, ist alles „überbürdet“. Der Preußische Kultusminister Altenstein (geb. 1770 zu Ansbach, – die Burg seiner Vorfahren schaut in Unterfranken bei Ebern ins Tal hinab) wollte elf Stunden Arbeitszeit von und bei den Schülern fordern! Wenn das heutzutage ein Kultusminister durchsetzen wollte! Der große Philologe Döderlein aber erzählt aus seinen Jugenderinnerungen an Schulpforta, er sei einst bei seinem alten Rektor Ilgen namens der Oberklasse vorstellig geworden, den Aufsatz könnten sie innerhalb acht Tagen keinesfalls zustande bringen. Der Schulmonarch habe erwidert: Das glaube ich auch. Aber wozu hat euch der liebe Gott die Nächte gegeben? – Wenn ein Schulvorstand heutigen Tages so reden wollte! Der Barbar würde in effigie wenigstens gesteinigt werden. Überbürdung allerorts, nur nicht mit allerlei Sport, nicht mit Kinderbällen und Kinobesuchen und anderen Genüssen. Wo die Pflicht, die rauhe Notwendigkeit gebietet, da protestiert man männiglich im Namen der Humanität, unter der Firma der Hygiene. Aber die alte Satzung preist den Menschen glücklich, nicht der das Joch ausfüttert, polstert und glättet, sondern der es trägt.

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Erziehungsfragen. Müller & Fröhlich, München 1917, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Erziehungsfragen.pdf/11&oldid=- (Version vom 9.9.2016)