Seite:Hermann von Bezzel - Erziehungsfragen.pdf/14

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 Es ist nicht gut, wenn der Erzieher „mürrisch und greulich“ ist, das will sagen, wenn er allzu phlegmatisch oder allzu cholerisch ist, jene Art ermüdet und diese reizt das Kind und erbittert es. Der Erzieher muß gleichmäßig in Gebot und Verbot sein, schnell zu hören, langsam zum Reden und langsam zum Zorn, er muß nicht viel gebieten damit doch ein weniges getan noch viel wehren, damit doch ein weniges gelassen werde, sondern kurz und bestimmt sein, mehr durch sich als durch Worte regieren, mehr das „Vorbild als das Sinnbild“ sprechen lassen und stets so handeln, daß der Einzelgrundsatz Maxime für ein ganzes Gesetz werden könnte. Launenhafte Leute, die sich nachgeben und ihren Stimmungen und Verstimmungen Raum geben, die heute wie der Sturmwind einherbrausen und morgen alles lind und mild dulden, taugen nicht zu dem Amte, das in gelinder Kraft der Gleichmäßigkeit groß ist. – Es soll und das muß unserem Geschlechte besonders gesagt sein – der Erzieher Zeit haben. Eilende Väter, die nicht auf die kleinen Anliegen und Sorgen der Ihrigen achten können, weil sie am Morgen noch nicht und am Abend nicht mehr zur Stelle sind, Mütter, die für das Gebet mit den Kindern weder Gelegenheit noch Raum finden, haben das Recht zur Erziehung verwirkt, zu diesem königlichen Amte wartender Geduld und gelassener Treue. – Auf dem evangel. Gottesacker zu Ems ist ein Kindergrab mit dem alten Psalmworte (27, Vers 10): Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf. Grab und Inschrift erzählen von einem verlassenen Kinde, dessen in seiner Todesnot die Eltern vergessen konnten, weil sie am Spieltisch Geld gewannen und verloren. „Ja, gleich“ – erwiderte der Vater dem rufenden Arzte, „ja, sofort“ die Mutter der zur Eile treibenden Wärterin. Währenddessen war das Kind entschlafen. Und Gott war barmherziger als die pflichtvergessenen

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Hermann von Bezzel: Erziehungsfragen. Müller & Fröhlich, München 1917, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Erziehungsfragen.pdf/14&oldid=2902153 (Version vom 9.9.2016)