Seite:Hermann von Bezzel - Erziehungsfragen.pdf/20

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

dem es nur dem Volke wohl ist, das jauchzen kann. Sie sollen die Hand von der Jugend lassen, zu der sie kein Herz haben. Aber gesegnet seien alle freudenreichen Erzieher in Haus und Schule, deren Lindigkeit, weil der Herr nahe ist, nicht nur im Herzen, aber auch nicht nur auf den Lippen wohnt, diese fröhlichen Geber, die Gott lieb hat, die zu den Kindern mit Freudigkeit und getrostem Mute herzutreten und sie zur Freude leiten. Auch zur Freude der Freundschaft. Denn die Jugend ist die Zeit, in der man Bündnisse schließt: das spätere Alter ist hier zu bedächtig und zu kritisch, prüft und wählt zu lange, schließt sich schwer auf und an. Zuerst mag die Freundschaft auf äußerlichen Voraussetzungen beruhen: der gleiche Schulweg, die gleiche Klasse führen zusammen, gemeinsam getragene Freud und Leid bindet aneinander. Matth. Claudius nennt das wohl „Pferdefreundschaft“. Der rechte, reife Erzieher wehre dem nicht, wenn zwei Kinder also sich finden, sehe nur darauf, daß nicht auf dem Schulweg vergehe, was das Haus gesäet hat! Aber er tadle auch die andere Art von Freundschaft nicht, welche aus dem Ergänzungsbedürfnisse entsteht, das wundersam je mehr und stärker erwacht, je selbständiger der Zögling wird. Das Kind in der Kinderstube ist sich selbst genug und hat seine Welt für sich, es ist am liebsten allein. Wenn es aber von der dritten Person, in der es von sich spricht, zur ersten übergeht, dann verlangt es nach anderen, dann will und wünscht es das lobende Urteil und die liebende Rede des Gleichgesinnten, des Altersgenossen, um an ihr zu erstarken. Stille Kinderfreundschaft, ohne rechte Kraft noch und Nachhaltigkeit wie das weiche Mark des Hollerstrauches. Man lobt den Freund, um sich gelobt zu hören und liebt ihn, um sich geliebt zu wissen.

.

 Wahre Freundschaft ist das nicht, sondern Gewöhnung, höchstens Vorahnung der wahren, wo einer des andern Gewissen

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Erziehungsfragen. Müller & Fröhlich, München 1917, Seite 20. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Erziehungsfragen.pdf/20&oldid=- (Version vom 9.9.2016)