Seite:Hermann von Bezzel - Erziehungsfragen.pdf/26

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durch Gnade, die im Verborgenen arbeitet, daß aus der heiligen Werkstätte, in der Meißel und Hammer ihr Wesen haben, ein Mensch Gottes hervorgeht zu allem guten Werke geschickt, nicht einseitig, enge, finster und scheu, sondern allem Großen und Reinen erschlossen, weiten Herzens und mit leuchtendem Blicke, trotzig und freudig gegen alle Kreatur.

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 Der größte aller antiken Philosophen sagt in seinem Buche über den Staat (Buch 8): „Viele törichte Reden, welche das Beste nehmen, ergreifen von der Burg des Jünglings, von seiner Seele Besitz, denn sie merken wohl, daß sie leicht völlig leer ist von Wissenschaften, von edlen Bestrebungen und wahren Gedanken, wie sie die beste Schutzwehr im Geiste gottgeliebter Männer sind. Und lügnerische und lose Reden halten hinfort den Platz besetzt und lassen keine Hilfsmacht von seinen Angehörigen herein noch irgend eine freundliche Gesandtschaft. Die Scham heißen sie (jene Sophisten) Stumpfsinn und stoßen sie vor die Türe hinaus, die Besonnenheit, Mangel an Mut und wahrer Mannhaftigkeit, Bescheidenheit und Schlichtheit sind ihnen bäuerisches und knechtisches Wesen“. So Plato vor 2000 Jahren. – Meint man nicht, es spreche ein treuer Eckart und Volksfreund von der Jugend des zwanzigsten Jahrhunderts? Die Verführer der jungen Leute in Literatur und Kunst, in Novellistik und Presse reden ihr ein, die altväterlichen Tugenden seien Schwächen vergangener Zeiten, Umwertung dieser und aller überkommenen Werte sei nütze und not. Die Sittlichkeit und Sittsamkeit sei Blödigkeit, Mangel an Mut, das verschleierte Bild von Sais zu entdecken sei Recht und Würde der Jugend. Und sie preisen „ihre“ Bücher an, in denen die Zote Witz und die Zweideutigkeit Geistreichigkeit genannt wird und bieten „ihre“ Bilder aus, in denen das Natürliche mit Lüsternheit verdeckt und erst dem suchenden Auge langsam enthüllt wird. Die „karnale Enthaltsamkeit“ – wir heißen sie Zucht und Sitte –

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Erziehungsfragen. Müller & Fröhlich, München 1917, Seite 26. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Erziehungsfragen.pdf/26&oldid=2902170 (Version vom 9.9.2016)