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das Dickicht der Vorurteile und Mißgriffe in der Erziehung durchzubrechen.“

 Wenn aber das Kind seinen Eigenwillen zum Gesetz und sein unreifes Urteil zur Regel und seine Laune zum Gebieter erhebt, dem Vater und Mutter, soferne sie leben und gute Tage sehen wollen, sich beugen müssen, dann hat das Jahrhundert des Kindes seine goldene Zeit erlebt, dann „wird die Welt ein Himmelreich“. Eine alte, in China sich fortpflanzende Weissagung behauptet, daß die Zeit um das Weltende sehr kindisch werde. Sollte etwa das Jahrhundert des Kindes mit dieser Weissagung getroffen und gemeint sein? Sollte die Furcht der Eltern und Erzieher vor dem ahnungsvollen Dämmern in der Kindesseele jenes zur Nacht wandeln, das doch zum hellen Lichte kommen soll?

 Soll die Tyrannei der Kinder über die ihnen zur Weisung und Lehre Gesetzten eine Zukunft der Zuchtlosigkeit einläuten und aus der Meisterlosigkeit der Jugend die Zuchtlosigkeit eines die Arbeit dem Genusse preisgebenden und diesen als Selbstzweck erwählenden Geschlechtes heranreifen, welches weder gehorchen noch herrschen, nicht denken, weil nicht danken kann? –

 Oberhofprediger D. Rudolf Kögel, der zwei Kaiser zu ihrem Ende vorbereitet und ihnen die Gräber gesegnet hat, den jetzigen Kaiser getraut und den Kronprinzen getauft hat, hinterließ neben anderen Gedichten zwei, in denen er kurz vor seinem Tode (Juli 1896) Wunsch und Bekenntnis niedergelegt hat. Der Wunsch bezeichnete die drei Bäume, die er auf seinem Grabe (auf dem Gottesacker der Domgemeinde, Müllerstraße Berlin) gepflanzt wissen wollte, die Birke mit dem frischen Grün zur Erinnerung an das häusliche Glück, die Eiche als den deutschen Baum und das Sinnbild der treuen Kraft und die Tanne mit den hohen Erinnerungen an die Kindheit und das Kind der Weihnachten:

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Erziehungsfragen. Müller & Fröhlich, München 1917, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Erziehungsfragen.pdf/5&oldid=2902139 (Version vom 9.9.2016)