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III.

 Wunsch und Gruß verpflichtet. Der Christ empfindet nichts für sich. „Gehe hin und sage es den Brüdern!“ Laß Dein Brot über das Wasser fahren, Dein Licht leuchten und Deine Salzkraft würzen! So ist die erste Aufgabe, die heute an Dich kommt: „Grüße die Brüder.“ Gib zurück, was Dein Gott Dir gibt, sei ein Glied im großen Ganzen Deiner Kirche! Es muß von Dir eine Kraft ausgehen, Du teure Gemeinde, an der sich Deine Nachbarn erquicken, von der Deine Töchter leben. Zentren evangelischen Lebens werden nicht dazu geschaffen, daß sie in Sattheit Vorrat auf viele Jahre aufspeichern, sondern daß sie ihr Brot brechen und den Dürftigen geben. Wenn das Licht in selbstgenügsamer Beschaulichkeit seine Kraft in sich niederbrennt, so verliert es für sich und hat anderen nicht Licht gespendet. Und wenn das Salz nicht würzt, was der Würze bedarf, und nicht bewahrt, was sonst der Verwesung anheimfällt, so wird es selbst dumm und Leute, die vergeblich seiner Kraft sich trösten wollten, zertreten es.

 Aber nur nicht dem Massenleid und der Obmacht des Elends mit gehäuftem Leben entgegentreten! Wird Gottes Geist und Gabe materialisiert und der Dienst aus ihr mechanisiert, so stumpft beides ab und nützt nicht und wird verworfen. Es graue uns vor dem Gedanken, daß der kranken Zeit eine Heilkraft in Massenhaftigkeit entgegengebracht werde und den aus tausend kleinen Sorgen aufgehäuften Sorgenbergen ein Massenglaube entgegentrete, der nicht die Verheißung hat, ihn in das Meer der Gnade hineinzubeten und -zuversetzen. Drum: „Grüße die Freunde bei Namen!“ Kraft, Weihe und Wert aller Seelsorge ist die persönliche, von Gesegneten zu Segensarmen, von Begnadeten zu Gnadenverlangenden hinreichende Teilnahme und Berührung. Wir müssen in der Münze, die im Staube entstellt und entwertet liegt, nachdem wir sie aufgehoben und ans Auge geführt haben, das Gepräge des Königs ersehen, der auch dieses ärmste Geldstück seiner Ehre würdig hält. Wir dürfen aus den tausend Dissonanzen des Lebens den Einzelruf des Kyrie eleison nicht überhören. Im neuen Hause der alte Geist! In der alten Gemeinde der neue evangelische Mut der Einzelpflege und der Einzelsorge! Noch hat der weglose Wanderer, der an die Tür klopft, das Recht des Persönlichen, noch ist die schmutzige, schwielige Hand des Verkommenen einem Menschen angehörig, für den ein Gott gelitten und gebetet hat, noch ist der Name letzter Anklang an Gnaden der Kindheit, letztes Angeld an Gnaden der Heimat. „Grüßt die Brüder bei Namen!“

 Der kleine bedeutungslos gehaltene Brief, der dritte des Apostels Johannes, schließt eine Weltweisheit höchster Art in sich. „Wer Gutes tut, der ist von Gott“, denn Gott ist das Gute, er erkennt es in seinem Herzen. Er schaut es aus seiner Ausgestaltung, zieht aus den besten Werken das Echte an und verwirft Schein und Gleißnerei. Wenn Du, teure Gemeinde, Gutes tust, so ist Dein Standort

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Festpredigt über 3. Joh. 15. Siegfried Perschmann, Würzburg 1911, Seite 6. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Festpredigt_%C3%BCber_3._Joh._15.pdf/8&oldid=- (Version vom 1.8.2018)