Seite:Hermann von Bezzel - Festpredigt und Rede gehalten bei der Einweihung des Maria-Martha-Stifts mit Altersheim.pdf/3

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Predigt
gehalten von dem Oberkonsistorialpräsidenten
D. Dr. von Bezzel
in Lindau am 5. Mai 1912
anläßlich der Einweihung des Maria-Martha-Stifts
in Lindau.




 In dem Herrn Geliebte! Der Name des heutigen Sonntags: Cantate, ruft uns Recht und Pflicht der Freude in das Herz. Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Wie jeder Sonntag in sich das Geheimnis des Lichtes und des Lebens trägt, so weist jeder Sonntag auf die Kraft und die Quelle dieses Lebens zurück, da sich Lebenskraft dem Tode und das ewige Licht der Finsternis entnahm und alles was wider die Reinheit stritt, zu nichte und was wider das Leben kämpft, zu Schanden machte. Das ist das Recht der Freude; Jesus Christus lebt, das Licht siegt, Lebenskraft ist stärker als Todesmächte und Schrecknisse des Fluches, und dieses Recht der Freude greift dir als Pflicht ans Herz und ins Gewissen. Warum willst du trauern, nachdem die Freudenquelle unablässig strömt? Was soll dich kümmern, nachdem die Lebenskraft das letzte Siegeswort erhält? Wozu die Angst, nachdem Er die Welt überwunden? Nicht mehr wie in fernen Landen sollen unsere Harfen tatenlos ohne Sang und Klang hängen, – sondern preist die Treue des ewigen Erbarmens! Und als solche, denen das Leben das Beste gewährt hat und das Beste geworden ist, singen wir dem Herrn für die alte unauskündbare und unausgesungene Großtat ein neues Lied und schauen hinüber auf die Zeit, da der letzte Mißklang geschwunden und die geringste Disharmonie verklungen sein wird und danken es ihm, daß dort des Singens und Lobsagens kein Ende nehmen soll. Im Auftrag des heutigen Sonntags, als ein Knecht des ewig reichen, ewig treuen Herrn, rufe ich dich, teure Gemeinde zur Freude auf, zu der Recht und Pflicht hier besteht: Freue dich an Gott, freue dich in Gott, freue dich auf Gott.

Leucht uns selbst in jene Welt,
Du verklärte Gnadensonne,
Bring uns durch das Tränenfeld In das Land der süßen Wonne,
Da die Lust, die uns erhöht,
 Nie vergeht. Amen.

 Freue dich an Gott! Das ist das erste.

 Ich lebe! Lebenskraft – Unfaßbares Wort, kaum erklärt, in Begriffen nur aus den Gegensätzen von Finsternis und Tod etwa zu ahnen, nie einem andern faßlich, als dem, der im Leben steht. Aber das ist es eben, worüber wir uns freuen und worauf wir stolz und stark sind. Licht ist das Gewand einer edlen Persönlichkeit und Kraft ihre Rüstung. Darum spricht unser Text von einem Vater der Lichter. Nicht