Seite:Hermann von Bezzel - Luther und Augustin.pdf/7

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sind Bettler, das ist wahr. Du, lege nicht die Hand an jene göttliche Aeneis, anbetend folge vielmehr ihren Spuren!“

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 Umsonst habe ich mich also gefragt: Wie kam es, daß Luther die Augustiner erwählte? Vielleicht ist es darum geschehen, weil dieser Orden in seiner neuen Regelung, wie sie in Staupitz anhob, den größten Ernst in der vita monastica, in dem Klosterleben, zeigt. Hier war willentliche Beugung, hier war ernsteste Konzentration auf die eine große Aufgabe, „dem Herrn Papst recht Obödienz zu leisten.“ Kein Orden, so hieß es zu jener Zeit, sei den Päpsten so innerlich gefügig und äußerlich so ergeben gewesen, wie der Orden Sancti Augustini. Hat der Bauernsohn von Eisleben, der Student, der sein Eigenes pflügen wollte und über dies Eigene erschrak, zum alten schlichten Gehorsam zurückeilen wollen, mit dem er Gott zu preisen und die Kirche zu ehren gedachte? Hat er in demselben Gehorsam seine Lebensaufgabe erblickt, die dann fern von der Berührung mit dem Weltverkehr, fern von der Beziehung mit den Weltbedürfnissen ganz in schlichten engen Kreisen sich voll zöge? Alle Erklärungsversuche scheinen mir in dem einen Geheimnis sich zu finden und vor dem einen Geheimnis zurückzustehen: „Ich kannte dich, ehe du geboren wardst, und ich wählte dich aus, ehe du den Tag sahest“, und wie St. Paulus im 1. Kapitel des Galaterbriefs. (Gal. 1, 15 u. 16) darauf hinweist, daß Gott seine Heilsgedanken mit dem Kinde von Tarsus hatte, ehe dieses Kind Vater und Mutter sagen konnte, so will mich bedünken, hat Gott der Herr diesen Orden auserwählt für Luther und Luther für ihn, daß er in der Stille der Klostermauern den Trost der Vergebung und durch das

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Luther und Augustin. Verlag der Buchhandlung der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1912, Seite 7. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Luther_und_Augustin.pdf/7&oldid=- (Version vom 2.10.2016)