Seite:Hermann von Bezzel - Pflicht und Recht der Inneren Mission.pdf/11

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 Viele Gedanken werden durch die Not der Zeit erweckt. Da ist es Pflicht der christlichen Liebe, sie zu prüfen und zu belehren, sie gewähren zu lassen, wo es sein darf, und sie zu gebrauchen, wo es sein kann. Aber bei und über allem wirkt sie aus Höhen der Liebe über ihr in die Tiefen unter ihr und läßt sich an der Gnade genügen, die in der Unzureichendheit des menschlichen Könnens und in der Unvollkommenheit auch der treuesten Meinung als vollendende Kraft sich erweist. –

 Zu der allgemeinen Not, die alle innere Mission erweckt, welche die „Barmherzigkeit ihren Weg zum Heil des Volkes ziehen läßt“, wie einmal die Kaiserin Augusta an ihren kaiserlichen Gemahl schreibt, zu der Not der Umwelt, die bald anschwellend, bald ebbend, aber immer vorhanden ist, tritt die sonderliche Not der sturmbewegten Zeit, in der wir stehen. Aus ihrem Schoße werden Nöte und Anliegen geboren werden, nicht neue vielleicht, aber in ihrer Aneinanderreihung und Verkettung, in ihrer Fülle und Gedrängtheit, in den Begleiterscheinungen und Folgen besonders schwierig, wie zu übersehen, so zu bestehen.

 Wir verkennen und vergessen nicht, welche Arbeit der Staat, seiner höchsten Pflichten und sozialen Aufgaben eingedenk, auf sich genommen hat und wie die Hände, die eben zum Kriege die Waffen geschliffen und dargereicht haben, „Charpie für die Wunden bereiten“ (Johannes Falk), welche dieser geschlagen hat. Invaliden- und Krüppelfürsorge, Blindenunterweisung und Handfertigkeitsunterricht – das sind Ehrenzeichen für den Staat, dem das Christentum das Gewissen geschärft hat. Die Antike kennt solche Mühewaltung nicht: ihre Fürsorge erstreckt sich nicht auf die Pflege, sondern auf die Verhinderung der Unkraft. Aber der freien Liebestätigkeit, die der Staat ehren will, wenn auch nicht wecken kann, dem Drange in Christi Nachfolge zu helfen, ist ein weites Feld noch gelassen. Diese Liebestat geht ja jetzt schon pflegend und tröstend, erquickend und helfend mit dem Antlitze, das Frieden in das bittere Leid bringt, ins Feld hinaus, nicht um andere zu verdrängen, sondern um zu ergänzen, nicht sich zur Ehre, sondern dem Friedefürsten zu Dank.

 Welche Not, so fragen wir, wird nach dem Kriege anheben, wenn Verdienstlosigkeit die plötzlich in großen Mengen zurückflutenden Männer erwartet, deren Angebot nicht gleich der raschen Nachfrage begegnet, da Handel und Gewerbe erst für die anders gestaltigen Zeiten sich einrichten und neue Absatzgebiete erschließen müssen, wenn vollends entkräftete, unkräftige, müde Männer auf Erwerb sinnen, der ihnen nimmer wird. Jetzt schon erinnert sich die christliche Liebestätigkeit, daß es ihr gutes Recht sei, der Armut zu begegnen und ihr das sorgende Auge zuzuwenden, die