Seite:Hermann von Bezzel - Predigt am Jubiläum des Evangelischen Arbeitervereins Nürnberg.pdf/5

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Da nun der Herr sich anschickt, von seinen Jüngern zu scheiden, geht durch ihre Seelen das innige Verlangen, er wolle sie mit sich ziehen, die Arbeit ein Ende nehmen heißen und sie in die Ruhe einführen, die zu bereiten er gekommen ist. Aber er wehrt solchem Verlangen. Keiner kommt heim, er sei denn zuvor reichlich in der Fremde gewesen, und niemand kommt zum Frieden, außer durch Streit. Darum spricht er: „Ich bitte nicht für sie, daß du sie von der Welt nehmest.“ Nimmt man den Sauerteig aus dem Mehle, ehe er seine Kraft und Arbeit vollbracht hat? Tut die Hausfrau das Salz aus den Speisen, ehe es gewürzt und gesäuert hat? Löscht man auch das Licht aus, ehe es recht und schön geleuchtet hat? Der Sauerteig muß wirken, das Salz muß würzen, das Licht muß leuchten! Ich bitte für sie um das Recht der Arbeit! Seitdem der Herr die Arbeit geheiligt und den schlichtesten Beruf durch seine Nähe gebenedeiet hat, seitdem das Evangelium die Arbeit des Banausencharakters entkleidet und des Adels gewürdigt hat, heißt es: Gib uns, o König, das Recht auf Arbeit.

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 Teurer evangelischer Arbeiter-Verein! Es gibt soviel zu tun! Da ist dein Haus, in dem du arbeiten sollst. Mein Bruder, sei ein Gehilfe deines Weibes, ein rechter Erzieher deiner Kinder! Laß sie erkennen, daß der Schweiß, der von dem Angesicht rinnt, höchste Zierde und Würde ist! Laß dein Weib die Gehilfin in der Arbeit sein, daß sie in Gemeinschaft mit dir die Kinder zu rechten Himmelsbürgern, und damit zu tüchtigen Erdenleuten erziehe! Da gibt es in deinem Beruf neue Entdeckungen, bisher nicht gekannte Vorteile und Erfindungen. Der Herr, der die Erde ausgetan hat, will, daß wir sie beherrschen sollen; er fordert, daß wir uns alle Kulturfortschritte, alle Errungenschaften der Arbeit und der ingeniösen Entdeckungen zu eigen machen und in seinen Dienst stellen. Da ist der Garten, in den er dich gesetzt hat, daß du ihn bewahrest und bebauest – bitte um das Recht der Arbeit! – Die Stadt, die dich vielleicht seit deinen Kindsheitstagen in ihren ehrwürdigen Mauern aufgenommen und begastet hat, erwartet von dir Arbeit! Soziale Probleme liegen auf der Gasse, sie werden nicht mit Beschlüssen hinweggeräumt, sondern mit Arbeit bestanden! Neue Fragen gibt die neue Zeit: man geht nicht an ihr vorbei mit einer himmlischen Sehnsucht, sondern man nimmt sich ihrer an. „Ihr seid das, Salz der Erde!“ Allerlei Anforderungen stellt der Staat an euch. Wollt ihr feige euch zurückziehen, geliebte Brüder, und in verschlossener Kammer eines ungesunden, weil unfreien Christentums warten und pflegen? Wohl, ihr seid nur hier zur Herberge, und die Herberge ist böse – aber ihr habt Pflichten gegen Staat und Volk! Bittet um das Recht der Arbeit! – Vor 500 Jahren und mehr steht auf der Münster-Kanzel zu Straßburg der teure Mönch Johannes Tauler und