Seite:Hermann von Bezzel - Predigt am Jubiläum des Evangelischen Arbeitervereins Nürnberg.pdf/8

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Vor den König des Lichtes, Christus, tritt der hervor, der ein Fürst dieser Welt ist, der Arge – nicht ein Phantom krankhafter Nerven, nicht eine Ausgeburt schwermütiger Gedanken, sondern eine zu überwindende Wirklichkeit, eine Tatsache, vor der uns graut – das ist der Arge oder, wie der Heiland sagt, „der uns Mühe macht,“ der den Acker mit Dornen und Disteln besäet, daß wir auf ihm erlahmen und ermatten, der in die Ehen die Zwietracht wirft, daß sich Eheleute nicht mehr verstehen, der das Mißtrauen im Volke erweckt, daß es, von Phrasen betört, seine Freunde verachtet und vergißt; der die Unruhe durch die Kirche führt, daß sie ihres Besitzes nimmer froh wird. Das ist der, der Mühe ohne Freude, Arbeit mit saurer Bitterkeit, böse Tage ohne friedsamen Abend der Welt und der Kirche bereitet.

 „Daß du sie bewahrest vor dem Argen! Er beschwert deine Seele, geliebter evangelischer Christ, indem er dich mit tötlichem Mißtrauen gegen dieses Bibelbuch erfüllt. „Sollte Gott gesagt haben?“ – hebt er an und zerreißt das Gesetz und tut aus die Propheten und verlacht die Evangelien und wirft weg die heiligen Briefe, und von dem ganzen Buch bleibt ein erbärmliches Fragment übrig, nicht wert des Einbandes, mit dem man es ziert. Er wirft in deine Seele den lähmenden Zweifel, daß du keinem Wort mehr traust: Wer weiß, ob es so gemeint, ob es mir gesprochen ist, ist es nicht einer Zeit bloß vermeint, gilt’s nicht etlichen Menschen nur, gilt’s der Menschheit? Und der arme Mensch wird wankend, der Stab wandelt sich zur Schlange und die Schlange bietet sich als Stab, und er zweifelt und wirft den Kinderglauben als des Mannes unwürdig dahin und den Glauben der Väter als überlebte Ammenweisheit weg – und das größte Kleinod des deutschen Mannes, daß er beten kann, sinkt in den Staub! Evangelischer Arbeiterverein, bitte – und dein Heiland bittet mit dir – daß dich Gott behüte vor dem Zweifel, dem Kleinglauben, vor der Lästerung! Lieber töricht mit Christus, als weise ohne ihn! Lieber einsam, als in reizender Gefolgschaft, die ihn nicht kennt! Lieber ein Bettler und ein Tor in dieser Welt als ein Reicher und Besitzender ohne den armen Mann am Kreuze, ohne den König der wahren Ehren!

 Er spricht von dem Feinde, der dir das Leben beschwert; aber auch von dem Feinde, der den Ausblick verdunkelt. Was macht mich froh, was macht mich reich, was macht mich frei? „Daß du uns ein ewiges Leben nach diesem kurzen werdest geben.“

 Einer der größten weltlichen Denker (Nietzsche) hat den Vers geprägt: „Die Flocken fallen müde nieder auf die Stadt, weh’ allen Fremden, weh’ dem, der keine Heimat hat!“ Und der Fürst des Betruges, der König der Lüge, sagt es dir, mit diesem Leben sei die Posse zu Ende, mit dieser Arbeit sei das Dasein