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Herr Adolf Bartels von Ignaz Wrobel

„Er hat immerhin eine jüdische Großmutter.“

Eines Tages packte mich die Neugier, genauer zu erfahren, was es denn mit Emil Gött sei, und zu diesem Zweck sah ich, spaßeshalber, bei Adolf Bartels nach. (‚Die deutsche Dichtung der Gegenwart. Die Jüngsten.‘ Bei H. Haessel in Leipzig.) Ich fand Folgendes:

Da ist der schon verstorbene Emil Gött (aus Jechtingen am Kaiserstuhl, 1864–1908), der sich in einer Reihe von Dramen versuchte, die an die Spanier und die der Nachfolger Shakespeares erinnern, fein gearbeitet, freilich auch stark subjektiv sind. Das Bedeutendste ist ‚Edelwild‘. Außer seinen Dramen gab Gött, der sich lange mit Nietzsche herumschlug, dann noch Aphorismen.

Ich war so klug wie zuvor. Und sah mir die seltsame Literaturgeschichte dieses deutschen Privatgelehrten, der in ihrem Vorwort verspricht, die deutsche Literatur seit Hebbel dem allgemeinen Verständnis näherzubringen, etwas genauer an.

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß dieses Werk von Bartels ein frecher Betrug am Bücherkäufer ist. Der Leser, der eine Literaturgeschichte erwirbt, hat das Recht, zu verlangen, daß ihm die bedeutsamsten Erscheinungen der behandelten Epoche geschildert, analysiert und nach irgendwelchen Blickpunkten des Verfassers beurteilt vorgeführt werden. Dieses Buch ist ein durch läppische Bemerkungen unterbrochener Bücherkatalog.

In jedem Abschnitt des Werkes finden sich reihenweis Aufzählungen von Schriftstellern und ihren Werken ohne den leisesten Versuch einer Beurteilung oder Analyse.

Endlich sei noch eine Reihe bloßer Namen genannt, ohne die Absicht, diese Talente als geringer hinstellen und sie allein auf Lyrik festlegen zu wollen.

In diesem Deutsch und in dieser Art ist das ganze Buch gemacht.

Man verstehe mich nicht falsch. Die Tatsache, daß Bartels ein Gegner der Juden ist, scheint mir noch kein Hindernis für die Möglichkeit, eine gute Literaturgeschichte zu schreiben, und ich kann mir sehr wohl denken, daß es durchaus lohnend und fesselnd zugleich wäre, die Rolle der Juden in der deutschen Literatur antisemitisch oder philosemitisch oder unvoreingenommen aufzuzeigen. Der Vorwurf der Tendenz, der Bartels von vielen Seiten gemacht wird, scheint mir haltlos zu sein; denn die sogenannten unparteiischen Literaturgeschichten haben alle eine Tendenz, meist eine bürgerliche, nur kommen den akademisch eingerosteten Verfassern ihre oekonomischen und historischen Grundansichten gar nicht mehr zum Bewußtsein, weil sie sie für selbstverständlich halten. Schopenhauer hat einmal von F. Jacobi gesagt, er sei ein guter Mann, aber er halte Alles, was er vor seinem fünfzehnten Jahr gelernt habe, für angeborene Gedanken. Und die den Verfassern dieser scheinbar tendenzlosen Literaturgeschichten selbstverständlichen Voraussetzungen sind ihnen anerzogen, eingeprügelt, suggeriert, überimpft, und Tendenzloses gibt es überhaupt nicht auf der Welt.

Empfohlene Zitierweise:
Kurt Tucholsky: Herr Adolf Bartels. Verlag der Weltbühne, Berlin 1922, Jahrgang 18, Band 1, Nummer 12, Seite 291-294, Seite 291. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:HerrAdolfBartels.djvu/1&oldid=- (Version vom 1.8.2018)