Seite:HerrAdolfBartels.djvu/4

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Wenn aber so ein richtiger Oberförster einmal auf der Judenjagd ist, dann kann es schon passieren, daß er auch die Treiber anschießt. Die Verehrer des Kitschromans ‚Der König‘ von Karl Rosner wird gewiß interessieren zu hören, daß dieser Heros-Biograph ein Jude ist, und Bartels ist so töricht, daß er nicht einmal seinen Bonsels auswertet.

Das Allerlustigste aber ist, daß dieser Hakenkreuzpolichinell seinen leicht ankümmelten Antisemitismus nur im Verlag Haessel, dem man dies nicht vergessen soll, froh in die Winde brüllt. Bei Reclam liest mans anders. Bei Reclam hat Bartels nämlich an einer ‚Weltliteratur‘ mitgearbeitet, die kein antisemitisches Wort enthält. Alle Dichter, die er bei Haessel in der ungezogensten Weise angeflegelt hat, kommen dort ganz gut weg. Als die Kreuzfahrer auszogen, riefen sie: „Gott will es!“ Bartels, von dem liberalern Reclam gemietet, rief: „Reclam will es!“, ließ die jüdische Abstammung Georg Hermanns noch einmal durchgehen und gab ihm, anders als bei Haessel, bei Reclam die Note Zwei bis Drei. Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun heißt eine Sache!

Das wird gekauft; daraus schöpfen Hunderttausende ihre Kenntnis von der Literatur des eignen Landes; ein solch liederliches, törichtes und unwissenschaftliches Geschmier vertreibt der Verlag H. Haessel, der die Ehre hat, Conrad Ferdinand Meyer verlegen zu dürfen; zu solch einem Tropf schauen Tausende empor.

Josef Nadler, der Verfasser der ‚Berliner Romantik‘ und der ‚Literaturgeschichte der deutschen Landschaften und Stämme‘, Einer, der die Geschichte seines Landes wirklich kennt, Einer, der im kleinen Finger mehr Gefühl für Kunst hat als Bartels im ganzen Vollbart, spricht also:

„Erst seit 1740 ist der ostdeutsche Raum im preußischen Staate politisch zu einer höhern Einheit zusammengefaßt worden. Was hieß nun deutsch in diesem Raume etwa um 1740? Ein Völkerchaos mit weit überwiegender deutscher Umgangssprache bei stellenweise sehr geringem deutschen Bluteinschlag. Es ist ein rein wissenschaftliches Problem, gleichgültig, wie wehleidige oder anspruchsvolle völkische Redensarten sich dazu stellen, ein Problem, das tatsächlich nur unbefangen und voraussetzungslos behandelt werden kann. Besteht aber diese Tatsache, daß ein Volk zur Hälfte aus Mutterland, zur Hälfte aus Kolonien sich zusammensetzt, die zum mindesten durch 800 Jahre geistiger Entwicklung auseinandergehalten wurden, so kann man keine alldeutschen Kulturgeschichten und keine alldeutschen Literaturgeschichten schreiben, sondern die ungeheure Tatsache dieser Doppeltheit muß ausgewertet werden. Das Gegenteil ist entweder Unvermögen oder schmähliche geistige Unfreiheit, und zwischen Hofhistorikern, die zugunsten eines Hauses Urkunden und Geschichten fälschten, und Historikern, die dieses Geschäft im Dienste irgendwelcher politischer Grundsätze besorgen, besteht kein Unterschied. Höchstens der, daß jene harmloser sind und leicht vergängliche Werke trieben, während ein Volk, das sich in seiner Geschichte selber belügen läßt, der Lüge gewisse Dauerwerte zu geben vermag.“

Empfohlene Zitierweise:
Kurt Tucholsky: Herr Adolf Bartels. Verlag der Weltbühne, Berlin 1922, Jahrgang 18, Band 1, Nummer 12, Seite 291-294, Seite 294. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:HerrAdolfBartels.djvu/4&oldid=- (Version vom 1.8.2018)