Seite:Hoffmann Fantasiestücke in Callots Manier Bd.1 1819.pdf/69

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z. B. simplen Musikern, mit einer Anstrengung singt, die ihr gar nicht einmal taugt: denn ihre langen, gehaltenen, schwellenden Harmonika-Töne, welche mich in den Himmel tragen, hat sie, wie Röderlein meint, offenbar der Nachtigall abgehorcht, die eine unvernünftige Creatur ist, nur in Wäldern lebt, und von dem Menschen, dem vernünftigen Herrn der Schöpfung, nicht nachgeahmt werden darf. Sie treibt ihre Rücksichtslosigkeit so weit, daß sie sich zuweilen sogar von Gottlieb auf der Violine accompagniren[a 1] läßt, wenn sie Beethovensche oder Mozartsche Sonaten, aus denen kein Theeherr und Whistiker klug werden kann, auf dem Piano spielt. – Das war das letzte Glas Burgunder. – Gottlieb putzt mir die Lichter und scheint sich zu wundern über mein ämsiges Schreiben. – Man hat ganz Recht, wenn man diesen Gottlieb erst sechzehn Jahr alt schätzt. Das ist ein herrliches, tiefes Talent. Warum starb aber auch der Papa Thorschreiber so früh; und mußte denn der Vormund den Jungen in die Liverei stecken? – Als Rode[a 2] hier war, lauschte Gottlieb im Vorzimmer, das Ohr an die Saalthüre gedrückt, und spielte ganze Nächte; am Tage ging er sinnend, träumend umher, und der rothe Fleck am linken Backen ist ein treuer Abdruck des Solitairs am Finger der Röderlein’schen Hand, die, wie man durch sanftes Streicheln den somnambülen Zustand hervorbringt, durch starkes


  1. Die frühen Violin-Sonaten Mozarts und Beethovens wurden als Klavier-Sonaten mit Begleitung einer Violine aufgefasst.
  2. Pierre Rode (1774–1830), französischer Geiger. Auf seiner zweiten Reise durch Deutschland, die er 1811 antrat, hörte ihn Hoffmann in Bamberg. (S. auch Johann Friedrich Reichardt, Vertraute Briefe aus Paris, 2teA Hamburg 1805. I, 402f. Google und 460f. Google)