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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 4 vom 22. Juli 1843


zu zerstreuen und die gestörte Ordnung wiederherzustellen. Die Königin ernannte ein neues Ministerium und vertauschte eiligst den Aufenthalt in Barcelona mit dem von Valencia; kaum jedoch unter dem Schutze des Generals O’Donnell und einer ihm ergebenen Armee sich wissend, entließ sie das volksthümliche Ministerium und wählte ein neues aus der Zahl der entschiedensten Moderados. Da erhob sich ganz Spanien wie ein Mann; der Magistrat von Madrid zuerst, in seinem Gefolge Stadt nach Stadt, Provinz nach Provinz, und einstimmig wurde nun Rücknahme der Städteordnung, Auflösung der Cortes und Entlassung des Ministeriums gefordert. In der Noth nahm die Königin von Neuem zu Espartero ihre Zuflucht und beauftragte denselben mit der Bildung eines Kabinets; dieser reiste mit den von ihm gewählten Collegen nach Valencia ab und legte der Königin die Bedingungen der Unterwerfung Spaniens vor, die nach harten Stürmen ihre Entsagung vom 10. October 1840 und ihre Entfernung aus Spanien zur Folge hatte, wogegen Espartero versprach, zum Schutz der wankenden Krone Isabella’s in Spanien zurückzubleiben. Die Königin wandte sich nach Frankreich, von woher der böse Rath ihr gekommen war; sie hat in den fünf Jahren ihrer Regentschaft auch nicht das Minderste für Spanien gethan; es giebt auch nicht eine wohlthätige Maßregel, welche ihren Namen mit Ehren auf die Nachwelt zu bringen geeignet wäre; wohl aber fanden sich nach ihrem Weggange ungeheure Verschleuderungen des Krongutes, und während Hunderte und Tausende von Mönchen und Nonnen mit den bittersten Qualen des Hungers rangen, hat die allerchristlichste Königin ein Vermögen von enormer Größe angehäuft, welches sie in Ueppigkeit verzehrt, soweit sie es nicht zur Anstiftung insurrectioneller Bewegungen verwendet.

Espartero, von den sofort nach der Entsagung der Königin berufenen Cortes zum Regenten des Königreichs gewählt, hält seitdem die Zügel des Staates mit fester Hand und hat dem Lande bereits mehre der trefflichsten Gesetze gegeben, während allmälig auch in die zerrüttete Verwaltung eine Ordnung zurückkehrte, welche seit lange in Spanien unerhört gewesen ist. Allein eine gedemüthigte Frau und eine Italienerin vergiebt nicht; schon zum dritten Male hat sie Aufruhr in den kaum vom Bürgerkriege befreiten Provinzen entzündet. Den ersten, welcher im Palaste selbst ausgebrochen, das Leben der jungen Königin für eine ganze Nacht einer rohen Soldateska Preis gab und an der Tapferkeit einiger Hatschiere scheiterte, büßte am 15. Oct. 1841 der ritterliche Don Diego Leon mit dem Leben, während der schuldigere O’Donnel sein Leben durch die Flucht in Sicherheit brachte. Der zweite, in dem unruhigen Barcelona angezettelt, und durch französische Agenten fast offen unterstützt, kostete dreizehn Opfern das Leben. Der dritte wüthet noch jetzt, von Frankreich offener, als jemals, begünstigt, denn es sind an einem Tage 300 Christinos von Perpignan nach Spanien übergetreten, und alle Häupter der Partei, an ihrer Spitze die Generale Narvaez und O’Donnel, sind, mit Geld und Pässen versehen, von Paris abgereist. Vor wenigen Tagen ist auch Espartero aufgebrochen, seiner Königin Sicherheit und seinem Lande Frieden wiederzubringen; er durfte die Hauptstadt dem Schutze ihrer eignen Bürger anvertrauen, und ohne Furcht des Widerspruchs sich auf ein fast fleckenloses Leben berufen. Das Manifest, welches er vor seinem Auszug an die Nation richtete, ist ein Meisterstück ernster und männlicher Beredsamkeit, und daß er in einem Lande, dessen Finanzverhältnisse sich in einer beispiellosen Verwirrung befinden, ungesetzliche Steuererhebung verschmähte und lediglich von dem Patriotismus der Einwohner die Zahlung der nicht verwilligten Steuern erwartete, ist eine Handlung von so seltener politischer Redlichkeit, daß Espartero schon durch diesen einzigen Zug alle die giftigen Verleumdungen widerlegt hat, die von so verschiedenen Seiten auf ihn geschleudert werden. Er bekämpft zwei gefährliche Feinde, die Rachsucht einer beleidigten Frau und den Fanatismus politischer Träumer, denn für mehr als Träumer können die nicht gehalten werden, die einen Zustand, der von geringen Anfängen sichtlich zum Bessern fortschreitet, gewaltsam mit einem andern vertauschen wollen, für welchen ihre eigene Leidenschaftlichkeit und ihr eigner Ungehorsam gegen das Verfassungsgesetz des Landes keine Bürgschaften von irgend einiger Dauer gewähren. Schon hat er den Schauplatz von hundert Siegen betreten, und so gewiß er der einzige Mann ist, von dem Spanien die Heilung der tiefen Wunden erwarten darf, an denen es blutet, so gewiß begleiten ihn die Wünsche aller Freunde der Ordnung, der Gesetzlichkeit und der Verfassungstreue; ja sollte ihm der Sieg versagt sein, so wird gewiß nicht Christine die Früchte des ausgesäeten Unheils ernten, sondern Spanien wird, für Jahre in seinem Fortschritte gehemmt, eine Beute anarchischer Kräfte werden, und selbst das Königthum erscheint gefährdet, denn wehe dem Lande, dessen König ein Kind ist.

9.

Die Eisenbahnen in Frankreich.

Die Eisenbahnen, seit länger als zwanzig Jahren in England, seit etwas über zehn Jahren in Belgien, seit acht Jahren in Deutschland in Ausführung begriffen, haben sich bereits auf die Gestaltung des gesammten Völkerlebens zu einflußreich bewiesen, als daß wir die weitere Entwicklung der Eisenbahnsysteme, die ihre vollste Bedeutung erst in ihrer einstigen Vollendung erhalten werden, nicht fortdauernd mit der aufmerksamsten Theilnahme verfolgen sollten. Frankreich hat unter allen Staaten am längsten gezaudert, dieser großen Angelegenheit diejenige Förderung angedeihen zu lassen, welche schon wegen der unvermeidlichen Eigenthumsentäußerungen nur vom Staate ausgehen konnte, und erst durch das Gesetz vom 11. Juni 1842, welches zu der Prägung der einstehenden Denkmünze Veranlassung gegeben hat, ist die Erbauung von ungefähr 3–400 hundert Meilen Eisenbahnen in Frankreich beschlossen worden. Diese Eisenbahnen werden folgende Richtungen nehmen und folgende Hauptorte Frankreichs berühren, die auf unserer Karte angegeben sind.

1) Nach der belgischen Grenze über Lille u. Valenciennes.
2) Zur Verbindung mit England nach einigen Häfen im Kanal, vielleicht Boulogne, Calais und Dünkirchen.
3) Nach der deutschen Grenze über Nancy nach Straßburg.
4) Zu dem Mittelmeer über Lyon auf Marseille nach Cette.
5) Nach der spanischen Grenze über Tours, Poitiers, Angoulème, Bordeaux und Bayonne.
6) Zu dem atlantischen Meer über Tours nach Nantes.
7) In die Mitte von Frankreich auf Bourges.
8) Quer durch Frankreich von Bordeaux nach Cette über Toulouse.
9) Vom Mittelmeer zum Rhein über Lyon, Dijon und Mühlhausen.
Illustrirte Zeitung (1843) 04 003 1 Eisenbahnkarte von Frankreich.PNG

Eisenbahnkarte von Frankreich.

Drei verschiedene Kräfte sollen nach dem Plan des Gesetzes sich vereinigen, um die bezeichneten Eisenbahnlinien ins Leben zu rufen und in Betrieb zu setzen. Der Staat wird den Unterbau herstellen, und ein Drittel des nöthigen Grund und Bodens bezahlen. Die Gemeinden, welche den unmittelbaren Vortheil von den Linien ziehen, übernehmen die andern zwei Drittel auf ihre Kosten antheilig, wozu ihnen der Staat das Geld vorschießen wird. Die Privatindustrie endlich stellt den Oberbau her, d.h. legt die Schienen und schafft die Verkehrsmittel herbei, wofür ihr der Betrieb der Bahn unter gewissen Bedingungen auf eine bestimmte Zeit überlassen wird. Kurz gefaßt ist der Sinn des Gesetzes vom 11. Juni: Ueberlassung des Grundes und Bodens durch die Gemeinden; Bau durch den Staat; Betrieb durch Gesellschaften. Staatsvermögen, Gemeindevermögen, Privatvermögen; diese sind die drei Elemente, die sich zu vereinigen haben, um eine der größten Unternehmungen der neuesten Zeit auszuführen.

Frankreich besitzt zur Zeit 960 Kilometer oder gegen 120 Meilen Eisenbahnen, die zur Zeit vereinzelt nur örtlichen Zwecken und dem Privatvortheil dienen, und erst in dem großen beschlossenen Netz ihre Bedeutung finden werden.

Von Paris gehen jetzt 5 Eisenbahnen aus:

Die Eisenbahn v. Paris n. Saint-Germain hat. . . . . ./span> 19 Kil.
v. Paris n. Versailles (rechtes Ufer). . . . . . 23
v. Paris n. Versailles (linkes Ufer). . . . . . 17
v. Paris n. Rouen. . . . . . . . . . . . . . . . 136
v. Paris n. Orleans und Corbeil. . . . . . 145

Zusammen . . . 340 Kil.

oder 421/2 Meilen Gesammtlänge.

Die Bahn von Rouen wird sich nach Havre, die von Orleans nach Vierzon und Tours, die von Corbeil nach Marseille fortsetzen.

In den Departements der Loire und Rhone sind:

die Eisenb. von Lyon nach Sainte-Etienne. . . . . ./span> 58 Kil.
von Saint-Etienne nach Andrezieur. . . . . . 22
von Andrezieur nach Roanne. . . . . . 67
von Montbrison nach Montrond. . . . . . 16

Zusammen . . . 163 Kil.

oder beinahe 20 Meilen vollendet.

Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 4 vom 22. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 51. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_04.pdf/3&oldid=3470860 (Version vom 6.1.2019)