Seite:Illustrirte Zeitung 1843 04.pdf/8

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 4 vom 22. Juli 1843


Staatsobligationen im Zinsfuße reducirt werden sollen, wozu man zunächst diejenigen 80 Millionen Gulden verwenden will, die Holland von Belgien, als dessen Theil an der gemeinschaftlichen Schuld, zu erwarten hat. Seine unverhältnißmäßig große Staatsschuld ist es, die bekanntlich auf Holland wie ein widerwärtiger Alp lastet. Es ist gezwungen, sich ungeheure Abgaben aufzuerlegen, die nothwendigsten Lebensbedürfnisse wie jeden Luxusartikel zu besteuern, blos um das durch die Zinsen seiner Schuld so große Ausgabenbudget zu decken; ja sogar dem Handel und der Schifffahrt, diesen Arterien seines Herzens, muß es Zwang anthun, muß den freien Verkehr verkümmern, damit sie Steuern aufbringen und den Staatsschatz füllen helfen. Man wirft den Holländern oft Engherzigkeit in ihrer Handelspolitik vor, und wir Deutsche haben auch vollkommenes Recht dazu, ihnen diesen Vorwurf zu machen, aber andererseits fordert die finanzielle Lage der Holländer billige Rücksicht. Sie haben unter allen Umständen gestrebt, ihrem Staate den Ruf der Ehrlichkeit zu erhalten – was bekanntlich Nord- und Südamerika, sowie Spanien nicht gethan – und dies verdient jedenfalls Anerkennung. Wäre Holland nicht genöthigt, hohe Steuern aufzubringen, so würden wir es jetzt vielleicht an der Spitze aller Länder sehen, die ein freies Handelssystem wollen, denn es ist seiner ganzen Lage nach auf ein solches angewiesen. Die Majorität der Generalstaaten scheint indessen von dem Grundsatze auszugehen, daß zunächst bei den Ausgaben, namentlich für das Militair und die Beamten, Ersparnisse einzuführen seien, und hat darum am 27. Mai die Zinsenreduction mit 30 gegen 24 Stimmen abgelehnt.

Holland und Belgien beabsichtigen in diesem Augenblicke beide, neue Colonieen in Amerika zu begründen. Belgien hat sich zu diesem Zwecke mit der Regierung von Guatemala in Centralamerika in Verbindung gesetzt, die ihm den Hafen und das Gebiet von San Thomas mit der Bedingung abgetreten, daß das belgische Colonisierungscomité, an dessen Spitze der Jesuit Peter Walle, ehemaliger Professor der Theologie in Löwen, und mehre andre Priester stehen, nur katholische Auswanderer nach der auch nur von Katholiken oder heidnischen Indianern bewohnten Republik hinüberführe. Die Erfolge dieses Colonisationsversuches sind jedoch um so zweifelhafter, als die Regierung von Guatemala und dieser Staat selbst fortwährenden Revolutionen ausgesetzt sind und es jedenfalls einer respectabeln Macht bedürfen wird, um die Colonie entweder gegen die stets im Kampf mit einander begriffenen Föderalisten und Centralisten oder gegen die dort sehr ansehnlichen und wohlorganisirten Indianer zu schützen. Größern Erfolg darf sich die neu projectirte Colonie der Holländer im niederländischen Guiana versprechen. Hier lehrt bereits der glänzende Zustand von Surinam – mit dem Hauptorte Paramaribo – wie trefflich es die Holländer verstehen, durch Dämme und Canäle, ein flaches ursprünglich vielen Ueberschwemmungen ausgesetztes Land zu einer der fruchtbarsten Gegenden Südamerikas umzuschaffen, mit welcher namentlich das benachbarte französische Guiana contrastirt, das auch heutzutage noch einer der ungesundesten Landstriche ist. – Die neue holländische Colonisation wird von drei Geistlichen, den Herren van den Brandhoff, Betting und Coppya, geleitet. Deutsche Auswanderer, die sich etwa diesem Project anschließen möchten, wollen wir jedoch nicht verfehlen, darauf aufmerksam zu machen, daß sie dabei ihre Nationalität zum Opfer bringen müssen, denn gerade die Holländer, obwohl, oder vielleicht weil am nächsten mit uns verwandt, dulden in ihren Colonieen das deutsche – hochdeutsche – Element am wenigsten und lassen ihr ganzes Bestreben darauf gerichtet sein, dasselbe mit der eigenen niederdeutschen Nationalität zu verscheuchen.

In der Negerrepublik Hayti hat kürzlich eine neue Revolution – die fünfte seit der Losreißung der Insel von Frankreich – stattgefunden. Der Mulatte, General Boyer, der seit dem im Jahre 1818 erfolgten Tode Pethion’s Präsident des südwestlichen und seit dem 1820 erfolgten Selbstmorde des schwarzen Königs Christoph Beherrscher auch des nordöstlichen Theiles der Insel war, hatte sich durch willkürliche Eingriffe in die Verfassung des Landes, so wie durch seine administrative Unfähigkeit den Haß des Volkes zugezogen. Das Elend des letztern hatte wirklich einen hohen Grad erreicht und wiewohl ein Theil desselben der natürlichen Indolenz der Schwarzen zuzuschreiben, die wohl alle Schwächen, aber nicht auch die starken Seiten ihrer weißen Vorbilder sich angeeignet, so würde doch eine bessere Regierung und namentlich ein sorgfältiger gepflegter Jugendunterricht sie zu etwas Anderem gemacht haben, als sie seit 25 Jahren geworden sind. Zu dem Elende derselben kam noch ein vor wenigen Monaten ausgebrochenes Erdbeben, daß die Stadt Cap Haitien gänzlich und die Stadt Cayes zum Theil zerstörte, und die Art und Weise, wie Boyer mit der in Port-au-Prince versammelten Repräsentantenkammer umsprang, rechtfertigt mehr als genügend den Aufstand, wenn ein solcher überhaupt zu rechtfertigen steht.

Der Kaiser von China hat zum Zeichen seiner völligen Aussöhnung mit den Engländern der Königin von Großbritannien kostbare Geschenke übersandt. Es bestehen dieselben aus einem Paar reich mit Gold verzierter Bettstellen, einer großen Quantität seltener in Europa noch gar nicht gekannter Seide, zwei Paar Ohrgehängen, jedes 7000 Thaler werth, einem Shawl, worauf alle den Chinesen bekannten Thiere gestickt sind, und einem Etui mit Juwelen-Geschmeide.

Der Gouverneur von Canton hat eine Proclamation erlassen, in welcher er auf echt chinesische Weise die Abschließung des Friedens mit den Engländern verkündet. Es lautet diese Proclamation folgendermaßen:

„Elipu, Kaiserlicher Obercommissarius, General der Garnison von Canton, Exminister. Zwei Jahre sind abgelaufen, seit die Engländer zuerst die Waffen erhoben. Unser erlauchter Souverain, gnädig und wohlwollend wie der Himmel, hat diese Fremden mit Milde behandelt, indem er ihnen, um den Uebeln und Leiden seines Volkes zu steuern, eine Erneuerung der Handelsverhältnisse zugestanden hat. Die Engländer ihrerseits haben die Waffen niedergelegt, eine so sanfte Behandlung anerkannt, dem Einfluß der Civilisation ihre Gemüther geöffnet und allem Streit ein Ziel gesetzt. Es ist durch einen Vertrag mit England bestimmt worden, daß die Engländer forthin unser Volk nicht mehr beleidigen und angreifen sollen; andrerseits ist aber auch bedungen, daß unser Volk die Engländer, so lange sie harmlos ihren Geschäften nachgehen, nicht beunruhigen oder sonst molestiren darf. So werden beide Theile sich der Vortheile des Friedens zu erfreuen haben. Gegeben im 22. Jahr der Regierung Tao Kuang’s am 25. Tag des 12. Monats – 25. Januar 1843 –.“

Neuere Nachrichten erzählen, daß diese Vortheile von den Kantonesen nicht anerkannt worden sind, und wiederholte Streitigkeiten mit den dort anwesenden Engländern haben sogar zu einem Angriff auf die Factoreien geführt. Vielleicht jedoch, daß das Erscheinen Sir Henry Pottinger’s in Pecking, wohin derselbe mit der Ratification des Friedensvertrages jetzt bereits abgegangen sein dürfte, dazu beiträgt, die friedlichen Meinungen des erhabenen Beherrschers des Reiches der Mitte zu befestigen.


Kolokotroni’s Tod.

Theodor Kolokotroni, der berühmteste und berüchtigste Heerführer der Griechen im Freiheitskriege, starb am 16. Februar 1843 zu Athen am Schlagfluß. Die Leiche ward am Begräbnißtage in seiner Paradeuniform mit allen Orden, die er getragen, nach Landessitte mit unbedecktem Gesicht in einen offenen Sarg gelegt. Fast alle Bewohner Athens, die Garnison, die Regierungsbeamten, das diplomatische Corps, mit Ausnahme des französischen Gesandten, begleiteten ihn zu Grabe.

Kolokotroni war um das Jahr 1765 zu Karitene im Peloponnes geboren, wo seine Vorfahren seit undenklichen Zeiten als Klephtenführer lebten und namentlich sein Vater sich auch durch Widerstand gegen Ali Pascha von Janina ausgezeichnet hatte. Schon früher machte sich Kolokotroni selbst durch Verschlagenheit und Verwegenheit bekannt. Von den Türken zur Flucht gezwungen, trat er am Anfang dieses Jahrhunderts auf den jonischen Inseln in russische und im Jahr 1814 in englische Militairdienste. Später ließ er sich auf Zante nieder, wo er die Lieferung des Fleischbedarfs übernahm und dadurch in vielfache Verbindungen mit dem Peloponnes kam, von wo das Schlachtvieh bezogen wird. Er gehörte zu den Hauptanstiftern der griechischen Revolution und kaum war im April 1821 der erste Schuß gefallen, so gab er sein Gewerbe auf, eilte nach Morea hinüber und stand bald an der Spitze einer beträchtlichen Kriegerschar. Mit vielem Glück nahm er an den Wechselfällen des vieljährigen Kampfes Theil, zeichnete sich aber bei jeder Gelegenheit durch Herrschsucht und Habgierde aus. Auch als England, Frankreich und Rußland einschritten, die türkische und ägyptische Flotte bei Navarin vernichteten, die türkischen und ägyptischen Truppen aus den festen Plätzen vertrieben und das Land den Griechen überlieferten, blieb Kolokotroni noch immer einer der einflußreichsten Männer in Griechenland. Wegen seines beständigen Kampfes gegen jede geregelte Regierungsform und in Folge vieler Gewaltthätigkeiten, die er sich zu Schulden kommen ließ, wurde er später vor Gericht gestellt und zum Tode verurtheilt. Die Regierung verwandelte die Todesstrafe in Gefängniß, begnadigte ihn bald vollständig, überhäufte ihn von Neuem mit Ehren und gab ihm selbst die großen Besitzungen zurück, die er sich früher gewaltsam angeeignet hatte. Man konnte nicht vergessen, daß sein unbeugsamer Muth, seine außerordentliche Umsicht und seine Kenntniß des Kriegs, an den die Griechen gewöhnt waren, sowie der Ruhm seines Namens und seine nahe Verwandtschaft mit den einflußreichsten Familien Moreas das Hauptmittel gebildet, wodurch die Türken verhindert worden, die Revolution gleich beim ersten Ausbruch zu ersticken.

Illustrirte Zeitung (1843) 04 008 1 Theodor Kolokotroni auf dem Paradebette.PNG

Theodor Kolokotroni auf dem Paradebette.


Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 4 vom 22. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 56. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_04.pdf/8&oldid=3470708 (Version vom 6.1.2019)