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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 5 vom 29. Juli 1843

diese neuste Anlage in allen ihren Einzelnheiten vorlegen zu können.

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Aeußere Ansicht des Pentonville-Gefängnisses.

Bereits vor länger als 21/2 Jahren ist ungefähr Mitte Wegs zwischen Pentonville und Holloway der große Complex von Gebäuden zu errichten angefangen worden, von welchem die vorstehend mitgetheilte Ansicht nur einen Theil zeigt. Das Ganze hat das Ansehen einer Gefängniß-Festung; auf einer bedeutenden Höhe gelegen und mit ansehnlichen Mauern umgeben, umschließt es in der Form eines unregelmäßigen Fünfecks einen Flächenraum von 63/4 Acres; außerdem ist noch ein niedriger Außenwall vorhanden; die beiden Eingänge in der Hauptfronte sind massiv befestigt. Das ist das Pentonville-Gefängniß, welches wegen der neuen Grundsätze, nach denen es durchgeführt ist, und die bei mehren Grafschaftsgefängnissen des Königreichs in Anwendung gebracht werden sollen, als: „Mustergefängniß nach dem Absonderungssystem“ bezeichnet wird. Der Plan dazu ist von den Gefängnißinspectoren dem Lord J. Russell – damals Minister des Innern – vorgelegt worden, wie aus der in der Parlamentssitzung vom 5. Mai 1840 abgegebenen Erklärung hervorgeht, wornach das System, völliger Absonderung, als höchst wohlthätig und ersprießlich, für die Gefangenen sowohl, als für das Volk bezeichnet wird. Der Marquis v. Normanby legte den Grundstein zu diesem Gefängniß im April des genannten Jahres; die Errichtung desselben hat die hohe Summe von 85,000 Pfd. Sterling – weit über 500,000 Thlr. – gekostet, doch ist es keineswegs reich an architectonischen Schönheiten; einige Säulen und Pfeiler an den Eingängen und den daran liegenden Gebäuden, sowie ein Glockenthurm im italienischen Style, der sich in der Mitte des Gefängnisses erhebt, sind Alles, was in dieser Hinsicht dem Auge geboten wird.

Zu jeder Seite des Portals, durch welches drei überwölbte Eingänge führen, befindet sich ein Wohnhaus in nettem Style gebaut, das eine für den Director der Anstalt, das andere für den Geistlichen. Beide liegen außerhalb der Hauptmauer. Durch den Eingang kommt man in einen verschlossenen Hofraum, welcher wieder zwei Thore hat, durch welche Lebensmittel u. dgl. zu den Küchen- und Wirthschaftsbeamten gebracht werden können, ohne daß dabei eine Communication mit den für die Aufseher und Gefangenen speciell bestimmten Gebäuden stattfände.

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Aeußerer Eingang zu dem Gefängniß.

Zu dem Innern des Gefängnisses gelangt man über eine Reihe von Stufen und durch einen niedrigen Thorweg, zwischen zwei massiven Säulen, welcher zu einem breiten Wege, a, führt, auf dessen beiden Seiten die Zimmer der Beamten liegen, und von da zu der Inspections- oder Central-Halle, l; hat man diese erreicht, so wird man wenigstens über die eigenthümlichen Principien, nach welchen das Gebäude angelegt ist, einigermaßen klar. Diese Halle ist ein durch keine Zwischenstocke getrennter, vielmehr von ebener Erde bis zum Dache offener Raum – wie ihn die untenstehende Abbildung zeigt; er bildet den Hauptaufenthaltsort der Beamten.

Illustrirte Zeitung (1843) 05 004 3 Das Innere einer Zelle.PNG

Das Innere einer Zelle.

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Eine Zellenthür.

Rings um denselben gehen zwei Gallerien, zu welchem von ebener Erde aus eine Treppe führt. In der Mitte der untern Gallerie ist ein mit Glasfenstern versehenes Behältniß, einer Laterne vergleichbar, von wo aus der Oberaufseher die ganze Reihe der verschiedenen Corridors überblicken und die daselbst stationirten Beamten überwachen kann. Auf der andern Seite geht eine breite Thür auf eine Gallerie, welche zu der in dem Eingangsgebäude befindlichen Capelle führt. In der Halle selbst und zwar an dem Pfeiler der linken Seite sieht man die Maschinerien, mittelst welcher die Speisen in besonderen Behältnissen durch eine Fallthür aus den darunter befindlichen Räumen, worin sich die Küchen und die Heizungsapparate befinden, heraufgeschafft werden.

Die Gefängniß-Flügel oder Zellengebäude laufen von dieser Halle, als von dem gemeinschaftlichen Mittelpunkte, in Radien aus und stellen – wie es sich auf dem Grundriß zeigt – zwei Dritttheile eines sechseckigen Sterns dar. Zwei Flügel nämlich gehen von der Halle rechts und links ab, so daß sie eine gerade Linie zusammen bilden; die beiden andern divergiren in fächerähnlicher Form. Ein offener Gang oder Corridor zieht sich der Länge nach mitten durch jeden Flügel; auf ihn öffnen sich die Thüren der Gefängnißräume oder Zellen, die in drei Stockwerke vertheilt sind, und zwar gehen die des untersten Stockwerks auf den zu ebener Erde befindlichen Corridor,

Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 5 vom 29. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 68. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_05.pdf/4&oldid=- (Version vom 21.5.2018)