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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

man in Russland diese Kunstgriffe auch schon? Die Kultur macht Fortschritte.

20. Двенадцать Мѣсяцевъ: 12 Monate oder der Wechselseitige Kreislauf des Lebens und der Natur (?). Ein Kranz geflochten aus 12 Erzählungen, den jungen Freunden der Natur gewidmet, mit 12 Kupferstichen. Moskwa, Semen. 162 S. Ein Neujahrsgeschenk, aus Spekulation geschrieben. Einige entlehnte Erzählungen gut, die andern, eigenen, schlecht.

21. Рококо: Rococo, Sammlung von 333 Erzählungen, Schauspielen, historischen Skizzen und Erzählungen, original und übersetzt. Herausgegeben von А. Wolkow. 1. Buch. Zweite Auflage. Moskwa 1842, Lazarew. 12. 83 S. Die Sammlung ohne Umsicht und ästhetischen Geschmack; die Sprache gedehnt, matt, farbund leblos. Eine reine Buchhändlerspekulation. Dasselbe gilt von der:

22. Библіотека Романовъ: Bibliothek von Romanen, Erzählungen, Reisebeschreibungen u. dgl. Herausgegeben von N. Ulitinin. 3. Lief. 1. Heft, die „Unbekannte.“ 8. 138 und 124 S. in 2 Thln. 2. und 3. Heft, die „Familie Kastalski.“ Roman in 3 Thln. 126, 88, 124 S. Moskwa, Stepanow. 1842.

23. * Похожденія Чичикова или мертвыя Души: Schicksale Cziczikow’s oder die todten Seelen. Dichtung von N. Gogol. Moskwa. 1842. 8. 475 S. Ein Roman, der ungewöhnliches Aufsehen macht, über den wir im nächsten Hefte uns weiter aussprechen.

24. * Кузьма Петровичь Мирошевъ! Cosmas Petrowicz Miroschew; russische Erzählung aus den Zeiten Katharina’s II. von M. N. Zagoskin. Moskwa. 1842. Stepanow. 4 Thl. 12. 200, 248, 279 und 296 S. Eine der ausgezeichnetsten Erscheinungen der russischen Literatur,

25. Альфъ и Альдона: Alf und Aldona, historischer Roman in 4 Bänden. Von N. Kúkolnik. Ptrbg. 1842, Glazunow. 12. 267, 286, 235 und 280 S. Schon im 1. Heft S. 33 erwähnten wir der ungemeinen Thätigkeit Kúkolnik’s für die Bühne; hier linden wir ihn in einem andern Literaturfelde; auch in diesem leistet er Vieles, sehr Vieles, und das nicht bloss Mittelmässiges. Herr Kúkolnik hat unbedingt viel Talent , er ist einer der wichtigsten russichen Literatoren der Gegenwart, allein er ist nicht das, wozu ihn einige Journalisten erheben wollen, er ist kein Genie. Nur diesem ist es erlaubt, in jedem Gebiete der Wissenschaft und Literatur ungestraft sein Wort mitzusprechen; und wo es nur irgend in die Räder eines solchen eingreift, schiebt es den Wagen mit jedem Federzuge eine grosse Strecke weiter. Das Talent dagegen muss sich auf einen bestimmten Kreis beschränken, hier muss es durch anhaltenden Eifer und tiefes Studium das ganze Wesen desselben bis in sein innerstes Mark durchdringen; dann erst wird es etwas Tüchtiges, etwas Gediegenes, etwas Einziges zu schaffen vermögen. Das nun übersieht Kúkolnik ganz; er arbeitet viel, er arbeitet in Allem, und erarbeitet nichts Grosses. Auch sein vorliegender Roman beweist dieses. Sein Gegenstand ist, ein Gemälde des politischen und socialen Zustandes Lithauens um die Mitte des XIV. Jahrhunderts zu entwerfen. Gewiss ein grossartiger, aber ein wahrhaft romantischer Stoff, dessen Grundton, der Kampf des Christenthums mit dem Heidenthume, indem schon einzelne Fürsten zu jenem sich bekannten, während andre noch fest an diesem hingen, eine der schönsten Staffagen bildet, die man nur haben kann. — Aber wie hat er diesen herrlichen Stoff benutzt? — Die schönsten Bilder, die grossartigsten Charaktere, die die Geschichte darbietet, ein Olgerd, Kjejstut und andere, verschwimmen unter seiner Hand in solche matte, seelen- und marklose Nebelgestalten, dass man sie kaum von einander unterscheiden kann. Dabei sind der auftretenden Personen so viele, dass man sie nicht zu übersehen im Stande ist, und keine tritt unter ihnen so glänzend und so anziehend hervor, dass man für sie allein [sich zu begeistern vermöchte. Dadurch wird die ganze Erzählung gedehnt, haltlos, unbestimmt, mit einem Worte, so wenig interessant, so ohne Spannung, dass man das Buch jeden Augenblick ruhig bei Seite zu legen bereit ist. Nur einzelne glanzvolle Stellen, gelungene Scenen, lebensvolle und reizende Schilderungen sind im Stande uns für das Ganze zu entschädigen. Denn in solchen Einzelheiten ist Kúkolnik ausgezeichet und an sie muss man sich bei ihm halten. Ein Hauptmangel bei Kúkolnik’s Darstellungsweise ist, dass er alles beschreibt; wir erfahren, wie die Personen gedacht und gefühlt haben, aus seinen Worten, nicht aber aus den Handlungen und den Worten der Personen selbst; ihm fehlt die dramatisirende Darstellung wie die epopäische; er ist Maler, Schilderer, Beschreiber. Daraus folgt auch, dass seine Erzählung nicht den Charakter eines umfassenden, wohldurchdachten, überall in einander greifenden und allseitig abgeschlossenen Ganzen hat, sondern episodenartig in einzelne Gemälde sich zerreisst.

26. Эвелина де Вальероль: Eveline der Vaillerole, Roman in vier Bänden, von N. Kúkolnik. Zweite, verbesserte Auflage. Ptrbg. 1841 — 42. 12. 249, 264, 274, 345 S. Ein Roman aus den Zeiten des Cardinal Richelieu, welcher eine der Hauptfiguren desselben, obgleich grundfalsch aufgefasst, ist; denn Richelieu wird die Absicht zugeschrieben, er habe die Macht der französischen Aristokratie brechen wollen, und habe dadurch den Thron selbst untergraben, während doch gerade seine Anstrengungen es waren, durch welche ein Zeitalter Ludwig XIV. hervorgebracht wurde. Uebrigens wirft man der Charakterzeichnung Kúkolniks viele Mängel vor; auch sind dadurch alle einzelnen Theile des Romans so zerrissen und dermassen ausser allen Zusammenhang gebracht worden,

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 143. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/154&oldid=- (Version vom 29.8.2019)