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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

der Macht nach europäischer Regierungsform und pflegt einen vor Jahrhunderten gepflanzten und, wiewohl er nicht mit üppiger Krone prunkt und seine Zweige noch nicht weit ausgebreitet hat, doch edlen, starken und tief festgewurzelten Stamm ächter europäischer Civilisation, dessen Früchte in der Zukunft, wie wir hoffen, dem ganzen grossen Reiche wohlthuend sein werden.




II.
Wissenschaften.
1. Der Sprachenkampf in Ungarn.
Aus einem grösseren Artikel eines Illyriers.

 In unserm constitutionellen Vaterlande, im weiteren Sinne genommen Ungarn mit eingerechnet, existiren mehrere Nationen und Nationalitäten; jede trachtet sich zu entwickeln und fortzuschreiten. . . Ist das aber auch vereinbar? . . In einem Staate, wo sich mehrere Nationen zu einem ruhigen, durch Jahrhunderte dauernden wechselseitigen Leben vereinigten, mussten sie natürlicherweise gewisse Bedingungen feststellen, welche die Garantie des friedlichen Zusammenlebens enthalten. Diese Hauptbedingniss in Hinsicht der Nationalitäten war in Ungarn die lateinische Sprache. Sie war das allgemeine Band der Nationen; nebenbei blieb eine jede Nation im ungestörten Besitze ihres moralischen Vaterlandes mit allen angeborenen Rechten, cum juribus connatis, als: der Ausbildung der Sprache, der Nationalsitten, Gebräuche, dem Privatleben u. s. w. Diese Garantie muss heilig und unangetastet bleiben, sonst verlieren die einzelnen Theile der Gesellschaft die Sicherstellung ihrer Rechte, die als wesentliche Eigenschaften der Menschheit zu betrachten sind. Hieraus folgt aber nicht, dass die Nationalität das grösste Glück und der alleinige Zweck des Staates sei. Nationalität und Patriotismus können sich nur unter dem Schutze der Gesetze und Sicherstellung der Gerechtsamen entwickeln; sie müssen daher eine Grundlage haben, und gerade in dieser besteht der Hauptzweck der menschlichen Consociation. Es ist also die Sicherung der menschlichen Rechte und die daraus entspringende Glückseligkeit der Menschheit der Hauptzweck des Staates. In der Liebe und Bereitwilligkeit, mit der wir die Gesetze befolgen und die Staatszwecke zu erfüllen hoffen, besteht die reine Vaterlandsliebe. Alles übrige, was sich im Menschen regt, alle Gefühle, alle Handlungen, alle Triebfedern, alle Ursachen und Zwecke sind untergeordnete Elemente, sind Mittel zum hohen Ziele des Staates. Die Auffrischung der Nationalität ist bei Nationen, die wachend träumen und in geistiger Schwäche darnieder liegen, der erste und zweckmässigste Schritt zur Regeneration, weil man sie auf scientifische Grundlagen bauen muss und so durch zweckgemässe, vorsichtig eingeleitete Aufklärung die Nation zur Selbsterkenntniss bringt. Hieraus erblüht Kraft, Stolz und Liebe; wir haben ein Vaterland, wir haben Poesie, wir haben Ideale, wir haben eine Sprache, die diese Schätze birgt, und wir lieben diese höheren Interessen, die uns an die Heimat knüpfen. Nicht der Boden ist’s, der den Reiz des Vaterlandes erzeugt; tiefer, inniger, geistiger muss das Band sein!

 Die Magyaren haben die lateinische Sprache beseitiget, statt ihrer die Magyarische zur Geschäftssprache erhoben und nebenbei sich zum System gemacht, alle unter der ungarischen Krone lebenden Völker zu entnationalisiren und zu Magyaren zu machen. Das ist erstens ungerecht, zweitens unklug.

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 162. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/173&oldid=- (Version vom 3.9.2019)