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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

enthalten von den frühesten Jahrhunderten bis zu jenem Zeitpunkte, wo die zuverlässige Geschichte jedes einzelnen Stammes beginnt; also die Urgeschichte von Herodot an bis zum Falle des hunnischen Reiches, eine Periode, in welcher die Slawen unter fremden Namen verborgen in der Geschichte erscheinen, so wie die Zeit von dem Augenblicke an, wo sie bereits unter ihrem eigentlichen Namen als Slawen, Weneden und Vinden bei den Quellenschriftstellern auftreten, bis dahin, wo sie ihre neuen Wohnsitze in Mitteleuropa einnehmen, also zum Schlusse des VII. Jahrhunderts, oder bis zur völligen Annahme des Christenthums unter denselben, also bis in das X. Jahrhundert hinein. Jede dieser zwei Perioden zerfällt wieder in zwei Abtheilungen, von denen je die erste den Ursprung, die Sitze, die Stammverzweigungen und die Geschichte; die zweite wieder den Charakter, die Lebensweise, die Religions- und Staatsverfassung, Literatur und Wissenschaft der in ihr auftretenden Völkerschaften bespricht (§. 2.) — Die Quellen zu diesen Forschungen, welche §. 3. besprochen werden, sind für die erste Periode die der alten Geschichte Europa’s überhaupt, dazu einige wenige einheimische; in der zweiten Periode werden letztere nicht nur zahlreicher, sondern auch wichtiger; ihre Angabe nimmt bei dem Verfasser allein sieben volle Seiten ein.

 I. Zeitraum (von 456 v. Chr. — 469 oder 476 n. Chr.). 1. Abschnitt. Ursprung der Slawen. §. 4. Bei der Masse der heterogensten Meinungen, welche über die Abkunft der Slawen, ihre Ursitze, ihr Einwandern in Europa bei den Historikern herrschen, dreht sich die Grundangel jeder künftigen Forschung über diesen Gegenstand um die Entscheidung der zwei Hauptfragen: 1) Sind die Slawen alte oder neue Einwohner in Europa? und 2) „unter welchen Namen erscheinen die Vorfahren der Slawen zuerst in der Geschichte der Menschheit?“ — §. 5. Zur Entscheidung der ersten Frage ist zuerst nothwendig zu bestimmen, wohin die Slawen in der Reihenfolge der Volksstämme unseres Erdballs zu stehen kommen. Eine selbst nur oberflächliche Betrachtung ihrer Sprache und ihrer Sitten, ihres Aeussern und ihrer Geschichte liefert das Resultat, dass sie ein Volk indoeuropäischen Stammes und die nächsten Anverwandten der Lithauer, dann der Germanen, Kelten, Latiner und Griechen sind. Uebrigens liefert das ganze Werk Schafariks den bündigsten Beweis davon. §. 6. Die Slawen sind ein „reines, selbstständiges Urvolk“; das beweiset am unwiderleglichsten die Originalität der slawischen Sprache; sie waren bereits vor Christo eine volkreiche, weit ausgedehnte Nation und konnten seit Herodot aus Asien nicht eingewandert sein, da ihre grossen Massen gewiss historische Erschütterungen verursacht hätten; sie müssen also ein alteuropäisches Volk sein. Ueberdiess ist die slawische Sprache so alt, als die griechische, lateinische und deutsche; hat viel gemeinsame Wörter mit der keltischen und gothischen, worunter die Völker- und Personennamen besonders herausgehoben. Die Sitten, der Cultus, die Verfassung der Slawen gleichen ungemein der der genannten Völkerschaften. In den ältesten griechischen und römischen Quellen finden sich bereits rein-slawische Local-Namen. Endlich hielten die Griechen und Römer die Slawen selbst für ein altes europäisches Volk und „in der ersten Hälfte des Mittelalters herrschte unter den Schriftstellern die allgemeine Meinung, die seien ein solches.“ §. 7. Bei den Historikern des VI. Jahrh. haben die Slawen zwei verschiedene Namen: Winiden und Serben; es ist somit die Frage zu lösen: A. „Hiessen die Vorfahren der Slawen, wie Jornandes versichert, Winiden? B. Oder hiessen sie, wie Prokopios behauptet, Sporen (Serben)?“ Die deutschen Kelten, Lithauer und Finnen nennen die Slawen Winden, Wenden, Wenen; diese selbst aber heissen sich mit ihrem einheimischen Namen Serben, Srben. Die historischen Zeugnisse über die Winden und Serben müssen also zuvor erforscht werden, ehe man sich an eine Geschichte der einzelnen slawischen Völkerschaften macht.

 2. Abschnitt. Wohnsitze und Geschichte der alten Slawen. §. 8. Die Weneden. Der Bernstein bringt den Griechen die ersten Nachrichten von den Weneden zur Zeit des Aeschylos und Herodot; damals sassen sie am keltischen Meere bis an die Karpathen hinab. Des Timaios Baunonia, Raunonia bei Plinius

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 7. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/18&oldid=- (Version vom 6.1.2019)